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30.11.2002

Die rührigen Engel von Limlingerode ehren Sarah Kirsch

von Frank Quilitzsch TLZ

Von der Fachwerkruine zur Begegnungsstätte: Heidelore Kneffel, stellvertretende
Vorsitzende des Fördervereins, hat maßgeblichen Anteil an der Rettung des
ehemaligen Pfarrhauses, in dem die Dichterin Sarah Kirsch geboren wurde.

Ein gepflasterter Weg führt zum ehemaligen Pfarrhaus der 294-Seelen-Gemeinde
Limlingerode hinauf. Rechts duckt sich die kleine Kirche, deren Turm so niedrig
ist, dass die Glocken unter einem Holzverschlag auf der Wiese aufgehängt wurden.
Bestimmt hat Großvater Paul läuten lassen, als er die Enkeltochter im Mai 1935
taufte. Ein Barockengel schwebte damals über dem Kind, das Ingrid Bernstein hieß
und sich später in die Dichterin Sarah Kirsch verwandeln würde.

Heute zeigt ein Plakat im Fenster der sanierten Pfarre das Porträt der
Georg-Büchner-Preisträgerin, in der Bibliothek hängen ihre Aquarelle, das Zimmer
im oberen Stock, wo sie geboren wurde, ist frisch tapeziert. Im
Veranstaltungsraum laden dutzenderlei Stühle zum Verweilen ein, gespendet von
Dorfbewohnern und Freunden des Hauses. Alles ist vorbereitet zur neuerlichen
Taufe: Nach 66 Jahren wird die berühmteste Limlingerödin dabei sein, wenn ihr
Geburtshaus geweiht wird - als "Dichterstätte Sarah Kirsch".

Zwar hat Sarah alias Ingrid hier nur die ersten drei Jahre ihres Lebens
verbracht, doch diese Zeit hinterließ Spuren im Werk. Verfallen wäre die Wiege
im südharzer Vorland, hätten sich nicht beherzte Leute gefunden, die das seit
längerem leerstehende Fachwerkhaus saniert und zu einer Begegnungsstätte
umgestaltet hätten.

Wieder schweben Engel über dem Ort. Einer dieser irdischen Retter heißt
Heidelore Kneffel, ist Pressesprecherin des Landratsamtes Nordhausen und setzte
sich vor Jahren in den Kopf, das Pfarrhaus wieder aufzupeppeln und mit neuem
Leben zu erfüllen. 1996 fragte sie bei der in Tielenhemme, Schleswig-Holstein,
lebenden Dichterin an, ob sie bereit sei, nach Limlingerode zu kommen und dort
zu lesen.

Sarah Kirsch kam und las in der überfüllten Kirche, und der Taufengel schwebte
ihr zur Seite. Im Jahr darauf, 1998, kam sie erneut. In ihrem Beisein eröffnete
der Verein die Limlingeröder Diskurse, die inzwischen mit weiteren
Dichterlesungen, Vorträgen und Ausstellungen ihre fünfte Auflage erlebten. Seit
zwei Jahren sind sie fester Bestandteil der Thüringer Literatur- und
Autorentage. Auf einem Spaziergang entlang der Sete, dem sich durch nahezu
unberührte Landschaft bis zur ehemaligen Grenze schlängelnden Flüsschen, wurde
die Idee zum "Grünen Junipfad" geboren. Kinder sollen Gelegenheit bekommen,
wandernd Natur und Poesie in sich aufzunehmen, zum Beispiel das wunderbare
Gedicht "Grüner grüner Juni" von Sarah Kirsch. Gleichwohl handelt es sich um
einen Dichterweg von symbolischer Bedeutung: Die Erstunterzeichnerin der
Biermann-Petition hatte 1977 die DDR verlassen, und es fiel ihr nach der Wende
schwer, ihre alte Heimat zu besuchen.

Vielleicht bedurfte sie der Ermunterung durch Heidelore Kneffel, die Sarah
Kirsch 1997 anlässlich der Vergabe des Annette-von-Droste-Hülshoff-Preises in
Münster traf und ihr einen rostigen Nagel aus dem Westgiebel des Pfarrhauses
überreichte, das nun unter Denkmalschutz stand. "Frau Kirsch war überrascht und
fragte: ,Woher wissen Sie bloß, dass neben Schnürschuhen alte Nägel zu meinen
Sammelleidenschaften zählen?´", erinnert sich die Überbringerin.

In Limlingerode gründete sie mit Literaturfreunden im März 1998 den Förderverein
"Dichterstätte Sarah Kirsch" e. V., der Spenden sammelte und Sponsoren gewann.
Innerhalb von nur vier Jahren gelang es, aus der Pfarrhaus-Ruine eine
Begegnungsstätte zu zaubern, die sich der Beförderung des literarischen Werks
Sarah Kirschs widmen möchte.

"Wir wollen kein Museum", betont Heidelore Kneffel. Natürlich präsentiert ein
Raum eine Art von Dauerausstellung über Leben und Werk der Dichterin. Doch
wichtiger seien Begegnungen zwischen Autoren, Literaturwissenschaftlern und
Lesern, wie sie die jährlich Ende Juni veranstalteten Diskurse bieten. Die
Limlingeröder Hefte, in denen diese Veranstaltungen dokumentiert werden,
enthalten Beiträge von Dichtern wie Ines Geipel, Undine Materni, Wilhelm Bartsch
und Wulf Kirsten. Im Obergeschoss ist eine kleine Wohnung für Gäste reserviert.

Der Förderverein zähle 20 eingetragene Mitglieder, erläutert Heidelore Kneffel,
drei davon stammten aus dem Dorf: "Eine Bibliothekarin, die zur Krankenschwester
umschult, die Finanzerin der Gemeinde, die auch bei uns die Finanzen macht, und
Wilma Mund, die hier den besten Kuchen bäckt." Die Limlingeröder Diskurse sind
nicht nur beliebt wegen der Dichter, sondern auch wegen Wilmas "Diskursekuchen".

Hannelore Kneffel ist die Hüterin des Hauses, das in Karin Kisker noch eine
treue Künstlerseele hat. Die Nordhäuser Malerin porträtiert, gestaltet, schafft
zauberhafte Collagen, die den Geist des Ortes zum Leben erwecken.

"Sie haben soviel in Gang gesetzt, auch in meinem Koppe", lobte die Dichterin
aus der Ferne. "Es ist ja wunderlich, wie alles zusammenkam! Dieser Taufengel
scheint Segen zu stiften, und eines Tages sind wir alle in Limlingerode und die
Aussicht darauf ist etwas Hübsches, was ich sehr liebe."

An diesem Wochenende feiern Sarah Kirsch und die Engel von Limlingerode.