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28.08.2008

Die Osteuropäer sind echte Lebenskünstler

von Frank Quilitzsch TLZ

Dietzhausen. (tlz) Erschöpft, doch glücklich, da reich an Erlebnissen und Erfahrungen, ist Landolf Scherzer von seiner Grenzgänger-Tour durch vier osteuropäische Länder heimgekehrt. Knapp fünfhundert Kilometer zu Fuß in viereinhalb Wochen durch Ungarn, Kroatien, Serbien und Rumänien - das war selbst für den trainierten 67-jährigen Schriftsteller und Reporter, der zuvor schon auf ähnliche Weise die ehemalige deutsch-deutsche Grenze erkundet hatte, kein Pappenstiel: "Bei bis zu vierzig Grad Hitze jeden Tag allein auf staubiger Landstraße von Dorf zu Dorf zu marschieren, ohne zu wissen, wo man die nächste Nacht verbringt - so schwer hatte ich mir die Tour nicht vorgestellt", gestand Scherzer gestern in einem exklusiven TLZ-Interview.
Das war so auch nicht geplant. Ursprünglich wollte der Grenzgänger 5000 Kilometer mit einem Deutz-Traktor und angehängtem Bastei-Wohnwagen zurücklegen, doch der Traktorist, ein Bekannter aus früheren Afrika-Tagen, war nicht am vereinbarten Treffpunkt im ungarischen Bäderort Harkány eingetroffen. "Der West-Traktor hat mit seiner DDR-Last die harten Steigungen nicht bewältigt", berichtete Scherzer. Plötzlich stand er vor der Entscheidung, sich im Thermalbad zu erholen oder als Pilger auf die Reise zu gehen. Nach einer schlaflosen Nacht in der Kirche marschierte er los.

Noch vorm Ortsausgang reduzierte er seine Traglast auf siebzehn Kilo. Seine Route führte vor allem über das Territorium der einstmaligen österreichisch-ungarischen Monarchie. "Man glaubt nicht, wie viele Menschen hier noch deutsch sprechen. Beinahe jeder zweite Osteuropäer, dem ich begegnet bin, hat schon einmal in Deutschland gearbeitet", berichtete Scherzer.

So traf er einen Arbeiter, der mitgeholfen hatte, eine Brauerei in Erfurt abzureißen und im rumänischen Timisoara neu aufzubauen, bayerische Unternehmer, die nach Jimbolia gereist waren, um die dortige Niederlassung ihres Werks zu rationalisieren, damit sie nicht weiter nach China verlegt werden müsse. In Nagyszentmiklós fand er nach langer Suche das Geburtshaus des ungarischen Komponisten Béla Bartók.

"Die Osteuropäer sind echte Lebenskünstler", so Scherzer, der seine Eindrücke im Gehen aufs Band gesprochen hat. "Viele müssen mit 150 Euro im Monat auskommen, und sie schaffen das, indem sie Kleinvieh halten und im Garten Paprika, Tomaten und Obst anbauen." In der Regel wurde er überall freundlich aufgenommen, nur einmal von vier Jugendlichen, die Zigaretten wollten, ausgeraubt.