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12.10.2004

Die Noll und die 'Noll'

von Ulrike Merkel Ostthüringer Zeitunmg

Um hochkarätige Schriftsteller in die Provinz zu locken, muss man sich mitunter kleiner Tricks bedienen. Die Krimi-Autorin Ingrid Noll hatte zum Beispiel bisher keine Lust verspürt, in der Reihe "Jenaer Lesemarathon" eines ihrer Bücher vorzustellen. In diesem Jahr wird sie nun doch lesen. Und nur deshalb, weil es in Jena ein Gasthaus gibt, das den gleichen Namen trägt.

Die Betreiberin der Gaststätte "Zur Noll" hatte eines Tages von der Schriftstellerin einen Brief erhalten, in dem sich diese aus Spaß bedankte, dass das Wirthaus nach ihr benannt wurde. An diese Geschichte erinnerte die stellvertretende Leiterin der Ernst-Abbe-Bücherei, Angela Schubert, die Krimi-Autorin in einem Telefonat. Und siehe da, die Noll sagte zu, am Freitag, dem 12. November, in der Bibliothek aus ihrem aktuellen Buch "Rabenbrüder" zu lesen. Darin kommt eine Familie zur Beerdigung des Vaters wieder zusammen. Und sofort beginnen alte Konflikte zu schwelen. Ob der Vater wirklich ohne Nachhilfe starb?

Ingrid Noll ist jedoch nicht die einzige Prominente unter den insgesamt 16 Künstlern, die zum 10. Lesemarathon in der Saalestadt gastieren. Auch Deutschlands Vorzeige-Intellektueller Roger Willemsen (9. November im Volkshaus) und "Sonnenallee"-Autor Thomas Brussig (13. November in der Stadt-Bücherei) werden ihre neuen Werke "Gute Tage. Begegnungen mit Menschen und Orten" bzw. "Wie es leuchtet" präsentieren. Während Brussig das Lebensgefühl der Wendezeit festhält, erzählt Willemsen skurrile Geschichten über populäre Personen wie Madonna, Margaret Thatcher und den Dalai-Lama. Der Essayist hat auch den Palästinenser-Führer Yassir Arafat einst in seinem Tuniser Exil besucht und einen Blick ins Badezimmer werfen können. Die Toilette ohne Klobrille, den abgerissenen Schlauch in der kleinen Sitzbadewanne und die offene Tube Colgate beschreibt er als "das trostloseste Sanitär-Ensemble, das man außerhalb einer Jugendherberge sehen kann."

"Wir haben mit den Jahren gelernt, ganz unterschiedliche Lese-Interessen zu bedienen", sagt der Geschäftsführer des Lese-Zeichen e.V., Martin Straub. "Max Goldt und Volker Braun zum Beispiel würden sich wohl nicht um den Hals fallen." Doch gerade die Mischung aus Literatur, politischen Themen, Musik und Kabarett locke auch das Publikum an, "das sonst nicht in die Bibliothek kommt."

Volker Braun liest am Montag, dem 1. November, aus seinem jüngst erschienenen Buch "Das unbesetzte Gebiet" in die Ernst-Abbe-Bücherei. 42 Tage war das erzgebirgische Schwarzenberg 1945 sowohl von den Amerikanern als auch von den Russen übersehen worden, so dass ein paar Antifaschisten die Verwaltung selbst übernahmen. Aus der politischen Anekdote wird durch Brauns Perspektive und seine Sprachkunst ein amüsantes Beispiel für eine Republik des freien Geistes. Max Goldt wird hingegen am Donnerstag, 4. November, im Volksbad einige seiner Kolumnen vorstellen, die er für die Satire-Zeitschrift "Titanic" schrieb.

Zu den Thüringer Autoren, die zum Lesemarathon in die Universitätsstadt reisen, zählt der Schriftsteller Wolfgang Haak, der seine Studienzeit in Jena verbrachte. Die Ernst-Abbe-Bücherei habe sein Interesse für Bücher enorm gefördert, sagt Bibliothekarin Schubert. Vielleicht behaupten das nach der Jenaer Lesereihe noch mehr Menschen. Zumal das Angebot steht, sich nach den Lesungen mit einzelnen Autoren in einer Kneipe zu treffen.

Karten für den Marathon, der vom 26. Oktober bis zum 14. November dauert, sind in der Jenaer Touristinformation erhältlich, Tel. 03641/ 806400.

>>www.stadtbibliothek.jena.de 10. Jenaer Lesemarathon mit Autoren wie Willemsen und Brussig