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03.06.2006

Die neue Leidenschaft für den Vers

von Schaarschmidt Ostthüringer Zeitung

Bas Böttcher und Timo Brunke dichten sich in die Sinne der Greizer

Greiz (Schaarschmidt). Reißt die Tür zum stillen Kämmerlein auf. Die Lyrik ist befreit von ihrem Schattendasein. Zugegeben, das ist ein frommer Wunsch. Aber: Bas Böttcher und Timo Brunke, zwei junge Poeten der medialen Gegenwart, entfesseln die deutsche Sprache und wecken eine neue Leidenschaft für den Vers. Lyrik bekommt dank Rap-Poetry und Sprechdichtung à la Böttcher und Brunke einen alltagstauglichen Wortklang.
"Wortklang" prangte auch als Titel über dem Sprachkonzert am Donnerstagabend in der Greizer Bibliothek, zu dem die Thüringer Stiftung Lese-Zeichen mit Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und der Sparkasse Gera-Greiz eingeladen hatte.

"Das gute Wort ist selten geworden", konstatiert Dr. Martin Straub von der Stiftung Lese-Zeichen in seiner Vorrede. Umso mehr braucht die von platt-plumpen Werbeslogans, unsinnigen Anglizismen und entverbten Mobiltelefon-Botschaften geschundene deutsche Sprache Hoffnungsträger wie Bas Böttcher und Timo Brunke. Nicht dass die beiden alten Staub pflegen. Ihre dichterische Sprache ist modern und besitzt doch und zugleich Intelligenz und Wortwitz.

Böttcher, der Rap-Poet, schenkt seinen Texten zum Inhalt noch Rhythmus. Mit der schneidenden Klangschärfe des Rap analysiert er das Dasein, erzählt vom Leben als Lyriker, der im Billig-Hotel sich Paradiese erträumt und dort "auf dem Badeboot am Pool bei Freiheit und Freizeit" schaukelt, erzählt von "verarschten Blumenblüten", die mit ihrer Schönheit als Entschuldigung betrügender Ehemänner herhalten müssen, die Rednerpulte von Diktatoren schmücken und auf deren Plastikpendants auf dem Jahrmarkt geschossen wird. Tatsächlich erhalten die Worte in Böttchers klugen Texten wieder Wert. Mehr noch, sie bekommen einen Mehrwert, weil sie nicht nur beschreiben, sondern hinterfragen und offenbaren.

Timo Brunke gelingt dies auch. Seine Texte sind die sensibleren, die nicht mit der Aggressivität des Rap kokettieren. Insofern bleibt er eher der klassischen Lyrik und den Texten eines Barden verpflichtet. Brunkes Spektrum reicht von dadaistischen Wortspielereien wie in "Terracottaputto" bis hin zu bildintensiven Reisen für das geistige Auge, wie in dem fantastischen Text über eine Fahrt durch eine Stadt, bei der im Sekundentakt verschiedenste Seheindrücke aufeinander folgen. Brunke beschreibt liebevoll das Gegenwärtige und lässt Ironie blitzen, ohne je verletzend zu sein. Hintergründiger Witz und das Spiel mit den Worten ist seinen Texten somit gleichermaßen immanent wie die scharfsinnige Beobachtung.

Bas Böttcher und Timo Brunke haben das Zeug, der Lyrik zu einem neuen Stellenwert zu verhelfen. Dank ihrer Texte war der Abend in der Greizer Bibliothek für die rund 40 Zuhörer auf jeden Fall ein literarischer Genuss.