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17.04.2012

Die Maxhütte war mein Leben

von Annerose Kirchner OTZ

Es waren mühselige Telefonate und Mails im Saalfelder Raum nötig, um auf das letzte Lebenszeichen von Werner Barth zu stoßen. Im Online-Autorenlexikon des Thüringer Literaturrats steht über den ehemaligen Maxhütten-Kumpel aus Unterwellenborn, der zu den ersten schreibenden Arbeitern in der DDR zählte: „Lebt in Saalfeld.“ Dieser Fakt muss nun korrigiert werden. Werner Barth wäre heute, am 17. April, 100 Jahre alt geworden. Die letzten Lebensjahre verbrachte er in Gorndorf, Ortsteil von Saalfeld, zuvor lebte er in Könitz. Verstorben ist er am 9. September 2010 im Alter von 98 Jahren nach kurzem Aufenthalt in einem Jenaer Pflegeheim. Sein einfaches Leben, geprägt von unzähligen gesellschaftlichen Umbrüchen, hätte Stoff für einen Jahrhundert-Roman gegeben. Doch diese Idee hat er nie umgesetzt. Von massiver existenzieller Dimension war für Werner Barth, 1912 in Suhl als Sohn eines Landbriefträgers geboren, die Fronarbeit als Pferdeknecht und Landarbeiter in Mecklenburg. Unter den Nazis gehörte er zum Heer der arbeitslosen „Notstandsarbeiter“, schuftete mit Hacke und Spaten, war Eisenbahner und arbeitete in einer Essigfabrik. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges suchte er einen Neuanfang in der Maxhütte in Unterwellenborn als Lokheizer und Lokführer. Zeitgleich begann er zu schreiben, fand zur Arbeitsgemeinschaft Junger Autoren beim Deutschen Schriftstellerverband. „Ich schrieb für die Kumpel. Sie wuchsen mit den immer größer werdenden Aufgaben ? auch ich wuchs mit ihnen.“Der Rudolstädter Schriftsteller Paul Schmidt-Elgers wusste über Barth: „Seine anspruchslosen Gedichte 'kamen an'.“ Und: “Er experimentierte nie mit der Form, kennt seine Grenzen. Seine unerschöpflichen Quellen sind die Maxhütte, ihre Menschen und die weite Landschaft.“
Er schrieb an die 1000 Gedichte, meist gereimte Verse, in denen Werner Barth ganz bei sich blieb und seine Leser, die Arbeitskollegen, dabei im Blick hatte. Gelesen wurden die Gedichte in der Betriebszeitung, aber auch in kleinen Lyrikbänden wie „Im Frühlicht“ (1959), „Gedichte eines Maxhüttenkumpels“ (1960) oder „Schatten fliehen vor den Wegen“ (1964). Werner Barth gehörte zu den ersten Werktätigen, die nach der Bitterfelder Konferenz dem Aufruf "Greif zur Feder, Kumpel!“ folgten. Bereits 1960 wurde er Mitglied im DDRSchriftstellerverband, erhielt zahlreiche Auszeichnungen wie den Literaturpreis des FDGB.
Gedichte wie „Unser Max“, „Der Kumpel“ oder „Wo die Zweigbahn rollt“ wurden im Rundfunk gesendet. Ebenfalls entstanden Dokumentarfilme über den bekannten „Hüttendichter“. Werner Barth schrieb bekenntnishaft, ohne Widersprüche aufzugreifen über den sozialistischen Aufbau in der DDR. Besang reimend den 1. Mai, die Liebe, den Frühling ? anspruchsvolle, verdichtete Lyrik lag ihm nicht. Er war ein stiller, aufmerksamer Mensch und mochte nicht „das Wort, sich in Seide kleidet“. Direkt wandte er sich mit Versen „An die schreibenden Arbeiter“: „Schreibt!/ Seht unserem Leben tief in die Augen! /Und horcht in euch hinein!/ Dann gebären eure Herzen/die Worte, / die alle ehrlichen Herzen/ entzünden. […].“
Ab 1978, nach dem Eintritt ins Rentenalter, schrieb Werner Barth nur noch selten. „Die Maxhütte ? das war mein Leben. Darauf bin ich stolz“, bekannte
er noch als 97-Jähriger.