Presse - Details

 
16.06.2006

Die Lust der Wahl

von J.F. Dwars Thüringer Allgemeine

(TA) Wie heißt es: Wer die Wahl hat, hat die Qual? Manchmal kann das Wählen allerdings auch zur Lust werden. So zum Beispiel, wenn Sie aus 770 Bewerbern fünf zum Endausscheid um einen Preis für erotische Dichtung auswählen dürfen, der morgen im thüringischen Wandersleben vergeben wird.

WANDERSLEBEN. Natürlich steht auch am Anfang dieser Wahl für den Juror ein tiefer Seufzer. 770 Mal mindestens fünf Seiten, das ergibt einen ordentlichen Stapel Papier, der aufstöhnen lässt. Heiliger Menantes, was haben wir da angerichtet! Wie die Geister bannen, die wir riefen?
Denn, Hand aufs Herz: Mit einer solchen Resonanz hatte niemand gerechnet. Drei- bis vierhundert Einsendungen aus Thüringen und seinen Nachbarländern, das hofften wir wohl, als der Menantes-Förderkreis der Evangelischen Kirchgemeinde Wandersleben und die Zeitschrift "Palmbaum" diesen wunderlichen Preis damals ausschrieben.
Es grenzt ja schon an ein Wunder, was da im Schatten der Burg Gleichen seit Jahren geschieht. Dass ein Professor für Germanistik einen vergessenen Autor wiederentdeckt, das überrascht niemanden. Es ist ja der Beruf der Herren und Damen von den Hohen Schule, das Erbe vergangener Zeiten immer wieder neu zu sichten, um Schätze zu bergen, die unsere Vorgänger in den Rumpelkammern der Geschichte einst entsorgt haben. Manche Perlen des Barock, die nach den Maßgaben von Aufklärung und Klassik als wertloser Tand erschienen, hat die akademische Forschung wieder blank geputzt und in hoch subventionierten Werkausgaben der staunenden Fachwelt vorgeführt.
Etwas anderes aber ist es, wenn die Kirchgemeinde eines Dorfes jenseits jeglicher Sonderforschungsprogramme und mit bescheidenen Mitteln einen Dichter von Rang dem Vergessen entreißt.
So geschehen in Wandersleben, wo Pfarrer Bernd Kramer mit einem Dutzend engagierter Bürger den vormals berühmtesten Sohn des Ortes in ein neues Licht gesetzt hat: Christian Friedrich Hunold, 1680 an der Apfelstädt geboren, in Hamburg unter dem Namen Menantes zum meistgelesenen Romancier seiner Zeit aufgestiegen, starb 1721 als Rhetoriklehrer in Halle. Er schrieb Opern- und Kantatentexte, die von Reinhard Keiser und Johann Sebastian Bach vertont wurden. Seine reifsten Verse schmücken ein Denkmal, das seit 2003 an den Dichter erinnert: "Dieses Weltmeer zu ergründen / Ist Gefahr und Eitelkeit / In sich selber muß man finden / Perlen der Zufriedenheit." All dem setzte im vergangenen Herbst die Menantes-Gedenkstätte im Pfarrhof die Krone auf.
Doch museal verstauben sollte der Wiederentdeckte nicht. Wie kann ein Barockdichter lebendig wirken, in die Gegenwart eingreifen? Mit einem Literaturpreis. Und warum nicht für erotische Dichtung, war doch Menantes ein Meister der Galanterie, der Verführungskunst mit Worten. Aber Erotik im Pfarrhof, ist das nicht Blasphemie? "Durchaus nicht", sagt Pfarrer Kramer. "Der Teufel steckt nicht im schönen Leib, sondern in dem Auge, das ihn mit Gier betrachtet, das seine Schönheit nur besitzen, als ein Objekt gebrauchen, ja missbrauchen will."
Die Geilheit, das Lechzen nach immer schärferen Reizen für immer stumpfere Sinne, dieses Kennzeichen einer sexistisch aufgeladenen Werbewelt, in der alles zur Ware verkommt, sie ist ja das gerade Gegenteil von Erotik: der genussvollen Steigerung von Lebenslust und Freude am Dasein durch die Verfeinerung aller Sinne. Und so findet sich eine der ältesten und noch immer schönsten Hymnen auf die sinnliche Liebe im Alten Testament - das Hohelied Salomo.Gerade diese Begründung war es, die viele Einsender zur Teilnahme bewog: "Ungewöhnlich!", "Tolle Idee!", "Wunderbar!", so war in den Begleitschreiben zu lesen. Und die Texte selbst? Ein Berg voller Fantasie, alle Formen der Liebe umfassend, in 770 Spielarten. Daraus nur fünf wählen zu dürfen, war am Ende schon eine Gewissensqual. Denn gern hätten wir 10 oder 20 Autoren zum Endausscheid eingeladen.
Nach langem und lustvollem Streit hat sich die Jury auf fünf geeinigt: Zdenka Becker aus St. Pölten (Österreich), Georg Berger (Berlin), Ralph Grüneberger (Leipzig), Daniel Mylow (Hof) und Xóchil A. Schütz (Hamburg).
Nach dem Auftakt mit barocken Tänzen (17 Uhr) und Konzert der String Company lesen morgen Abend (19 Uhr) die Finalisten im Pfarrhof vor. Zum Abschluss wird neben dem Menantes-Preis der Jury noch ein Publikumspreis für den besten Vortrag vergeben.
So haben am Ende auch Sie die Lust der Wahl.
www.menantes-wandersleben.de