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16.06.2007

Die Lüge in der Liebe und im System

von mko Ostthüringer Zeitung

Auftakt der 10. Literatur- und Autorentage auf Burg Ranis: Jutta Hoffmann lässt Brigitte Reimann spürbar werden

Ranis (OTZ/mko). Über 200 Schriftsteller haben die Thüringer Literatur- und Autorentage seit der ersten Auflage 1998 auf die Burg Ranis gebracht, rechnete Dr. Martin Straub, Geschäftsführer des Literaturtage-Hauptveranstalters Leze-Zeichen e. V. aus Jena, hoch. In den Jahrhunderten davor dürften kaum so viele Fürsten da gewesen sein, schätzte Andreas Gliesing, Bürgermeister von Ranis, ein. Und ob die dann 200 Dichter auf die Burg geholt hatten, stellte er dahin. Sie ist also etwas Besonderes, die konsequente Entwicklung der Burg Ranis zur Literaturburg, die in diesen Tagen mit der zehnten Auflage des Festivals Anlass für einen größer gefassten Rückblick gibt. Es wird von einem Jubiläum gesprochen. Es gibt also Gründe zum Zufriedensein. In solcher Stimmung eröffneten am Donnerstagabend Gliesing, Straub und Andreas Berner, Vorsitzender des Lese-Zeichen e. V., die diesjährigen Literaturfesttage auf der Burg. Schon die Zahl der etwa 150 Auftaktgäste, bekannte Gesichter wie auch neue, schien ihnen Recht zu geben.
Es war ein starker Auftakt. Mit der Schauspielerin Jutta Hoffmann, mit ihrer Lesung aus den Tagebüchern der viel zu früh verstorbenen DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann (1933 - 1973) konnte es gar nicht anders sein. Satte 100 Minuten trotzte der 66-jährige Star ohne Allüren dem Donnern von der Saalfelder Höhe und dem zu Spielchen aufgelegten Wind, und ließ vielmehr die Reimann spürbar werden. Lustvoll sprach Jutta Hoffmann die Texte, sie lebte praktisch die 1964 bis 1970 verfassten Zeilen, die eine Frau hinterlassen hat, die es bewusst mit "unausrottbar preußischen" DDR-Funktionären aufnahm, um nicht nur Luft zu bewegen. Jutta Hoffmann vergegenwärtigte die Brigitte Reimann, die sich ohne Rücksicht auf persönliche Verluste zwischen ihren Männern und am System aufrieb, selbstbewusst war und ängstlich sein konnte, ironisch und selbstironisch, zärtlich und wütend, die ein Mensch war, der die Lüge in der Liebe fürchtete, eine öffentliche Person, die über die Lügen der DDR am liebsten auch gekotzt hätte.

Das Publikum auf dem Hof der Burg war jedenfalls in einen seltenen Genuss gekommen: Im Gespräch mit OTZ sagte Jutta Hoffmann, dass sie die Reimann-Texte - nach den empfehlenswerten Hörbuchaufnahmen der Tagebücher - nur wenige Male öffentlich vorgetragen habe.

Das Programm der Literaturtage lässt vermuten, dass es auf Burg Ranis heute und morgen jeweils ab 14 Uhr zu weiteren kulturellen Ereignissen kommt, die man so schnell nicht vergisst.