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10.06.2009

Die Kraft grüner Wellen

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Als Kim Kwang-Kyu 1986 in Südkorea einen Band mit Nachdichtungen von Brecht-Gedichten herausbrachte, wurde das Buch sofort von der Militärdiktatur verboten. Trotzdem las man den Band überall, denn er verbreitete sich im Untergrund. Allein der Titel, erinnert sich der Literaturwissenschaftler und Übersetzer, der heute zu den bekanntesten und meistgelesenen Lyrikern seines Landes gehört, habe damals viele Menschen bewegt: "Die Traurigkeit des Überlebenden". So konnte auch Kim kein reines Glück empfinden, als zwei Jahre später das Regime überwunden war. Denn die Diktatur hatte viele Opfer gefordert.
Seit gestern Abend weiß man in der Klassikstadt Weimar ein wenig mehr über die Geschichte und Literatur der fernen asiatischen Halbinsel, die in den Medien zumeist nur über das Atommachtgebaren des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il wahrgenommen wird. Auf Einladung der Literarischen Gesellschaft Thüringen kam es in der Eckermann-Buchhandlung zu einer deutsch-koreanischen Begegnung: Kim Kwang-Kyu und sein Weimarer Dichterkollege Wulf Kirsten lasen jeweils Gedichte des anderen. Mit Unterstützung von Kims Ehefrau, der Germanistik-Professorin und Übersetzerin Chong Heyong, waren auch Gedichte von Kirsten auf Koreanisch und Gedichte von Kim auf Deutsch zu hören.

"Eine Zugfahrt nach Seoul"

Die beiden Dichter kennen sich seit 18 Jahren. Denn unmittelbar nach der friedlichen Revolution in der DDR wurde Kim nach Ostdeutschland entsandt, um für eine südkoreanische Tageszeitung über die Folgen des Mauerfalls zu schreiben. Er suchte Wulf Kirsten auf, der ihm als Wendeaktivist empfohlen worden war, und entdeckte in dessen Dichtung eine tiefe Seelenverwandtschaft. "Herr Kirsten ist wie ich der Natur eng verbunden und entwickelt aus einer Beobachtung, einer Alltagssituation oder einem Naturbild seine Gesellschaftskritik oder philosophische Verallgemeinerung", lobt der Asiate. Doch schon damals wurde ihm klar, dass diese Verse aufgrund ihrer zahlreichen Wortschöpfungen und lautmalerischen Spezifik schwer zu übersetzen sein würden. Dennoch hat Kim, der auch als Übersetzer von Heine und Günter Eich geachtet ist, einige Kirsten-Gedichte ins Koreanische übertragen - zum Beispiel "An warmen Sommertagen". Der Weimarer las Kims Gedicht "Eine Zugfahrt nach Seoul", das von Chong Heyong ins Deutsche übertragen wurde. Zuvor führte die Korea-Spezialistin, Germanistin und Übersetzerin Sylvia Bräsel von der Universität Erfurt in das Werk Kim Kwang-Kyus ein.

1941 in Seoul geboren, hatte er als Zehnjähriger den Korea-Krieg, eines der grausamsten Gemetzel des 20. Jahrhunderts, erlebt. 1960 war er aktiv an den Studentenprotesten beteiligt, die zum Sturz des autokratischen Regimes unter Singman Rhee führten, und begann schon bald, diese Grunderfahrungen literarisch aufzuarbeiten. Später war er nach Studienaufenthalten in der Bundesrepublik zeitweilig als Gastprofessor in Wien und Siegen tätig und promovierte über Günter Eich.

Mit 38 Jahren veröffentlichte Kim seinen ersten Gedichtband "Der letzte Traum bei Flut". Auch dies verbindet ihn mit dem Weimarer Kirsten - dass er die Natur als gefährdet betrachtet und sich für den Schutz der Umwelt einsetzt. "Bemerkenswert ist, dass Kim in buddhistischer Tradition in seinen Reflexionen über Berge, Bäume, Blätter, Blüten, Wind und Wasser auch zu sich selbst findet", charakterisiert Sylvia Bräsel seine Poetik. "Er lernt von der Natur die Ruhe, Gelassenheit und Beständigkeit, die er als Kraftquell braucht in der Auseinandersetzung mit der Anonymität, dem Lärm und der hektischen Betriebsamkeit der Megastadt Seoul." Inzwischen sind Kims Bücher in viele Sprachen übersetzt. Im Pendragon-Verlag, Bielefeld, erschien 2000 in zweiter Auflage sein Lyrikband "Die Tiefe der Muschel".

Die Teilung Koreas friedlich überwinden

Gerade aus der Einfachheit der poetischen Bilder entsteht eine hohe emotionale Wirkung, wie sein Gedicht "Nebelland" zeigt, das an das von der Welt abgeschottete Nordkorea denken lässt: "Wenn man im Nebel lebt / gewöhnt man sich daran / man will nichts mehr sehen / (...) Hören muß man / Hört man nicht, kann man nicht leben / Die Ohren werden immer länger ..." Der Gedanke, dass es keinen Kontakt gibt zu den Schwestern und Brüdern im Norden, macht ihn traurig und besorgt. Kim hofft auf eine baldige Überwindung der "letzten Teilung aus der Zeit des Kalten Krieges" und wünscht sich, dass sich die Wiedervereinigung Koreas eines Tages elementar, unblutig, ohne den Einsatz von Waffen vollzieht. So wie er es in seinem Gedicht "Ost-West-Süd-Nord" anklingen lässt: "Im Frühling breiten sich die grünen Wellen / nach Norden aus nach Norden / durch keinen Stacheldraht und keinen Todesstreifen gehindert ..." Und: "Den Schneesturm / der die ganze Welt in Weiß vereint / egal ob Ost ob West ob Süd ob Nord / kann niemand aufhalten."

Kim Kwang-Kyu und seine Frau Chong Heyong haben vor 17 Jahren den deutsch-koreanischen Kulturaustausch angeschoben, der in den 90er Jahren in den wechselseitigen Schriftstellertreffen seinen Höhepunkt fand. 1993 reisten beispielsweise Durs Grünbein, Marcel Beyer, Klaus Schlesinger, Uwe Kolbe und der Liedermacher Stephan Krawczyk nach Seoul. "Bis dahin waren an unseren Universitäten nur die klassischen deutschen Dichter bekannt", erinnert sich Kim. "Wir haben erstmals wichtige zeitgenössische Autoren in unser Land geholt."