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21.06.2014

Die Kindheit ist das Reservoir

von Annerose Kirchner Ostthüringer Zeitung

Herr Kirsten, können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie Ihr erstes Gedicht geschrieben haben?

Das weiß ich genau. Es handelte sich um ein Gedicht zur Erntezeit, über das Einfahren von Getreide in meinem Heimatdorf Klipphausen bei Meißen. Das war Stimmungslyrik. Ich habe mit 20 Jahren  angefangen, selber zu probieren, ohne jede Anleitung und jegliche Möglichkeiten Anschluss an Gleichgesinnte zu finden. Das Schreiben hat sich lange hingezogen, bis ich akzeptable Gedichte zustande gebracht habe. Es zählen erst die Gedichte, die ab 1964 in Freiberg, nach meinem Pädagogik-Studium, entstanden.

Sie sind durchs Lesen zum Schreiben gekommen?

Ich habe von früh an, aus freien Stücken, Gedichte gelesen, später lesewütig Büchereien genutzt. Eine Vorstellung von Lyrik bekam ich durch Anthologien. Man weiß ja am Anfang nicht, was ein gutes Gedicht ausmacht. Wichtige „Erweckungsbücher“ waren die Sammlungen, kurz nach 1945 erschienen, „Die Pflugschar“ und René Schwachhofers „Vom Schweigen befreit“ oder „De profundis“. Das waren Grundlagen für meine Vorstellung von moderner Lyrik.

Es folgte ein langer Entwicklungsweg?

Meister fallen nicht vom Himmel. Für mich ist es wichtig, Gedichte auf den Schluss hinzuschreiben. Es muss sich im Text etwas bewegen, damit ich den Leser hinter mir herziehen kann und dass sich ihm eine Landschaft aufschließt, in die er aktiv hineingehen kann.

Wann gab es die ersten Begegnungen mit Schriftstellern?

In der Stadtbücherei von Meißen. Ich war Oberschüler und Handlungsgehilfe und besuchte Lesungen. Ich war begeistert. Außerdem schrieb ich Briefe an Hermann Hesse und Oskar Maria Graf. Der eine lebte in Calw, der andere in New York. Hesse hat mir über den Suhrkamp Verlag Bücher schicken lassen. Es gab viele Kontakte, vor allem mit randständigen Autoren, die heute kaum einer kennt.

Alles beginnt in der Kindheit?

Die Kindheit ist das Reservoir. Ich habe jetzt wieder neue Gedichte geschrieben. Im Grunde hört das nie auf. Und im Alter läuft der Film sowieso rückwärts. Dann kommt die Kindheit ganz stark zurück.

Wie war das auf dem Dorf?

Ich habe unter Langeweile gelitten, weil nichts passierte. Wenn etwas passierte, waren wir Kinder dabei, wenn in der großen Feldscheune gedroschen wurde, bei der Rittergutsernte. Wir haben Strohburgen gebaut, Obst geklaut, obwohl das alles verboten war. Aus heutiger Sicht bin ich dankbar für die Fülle, die mir das Dorfleben mit auf den Weg gegeben hat. Man war neugierig, man konnte staunen. Leider verliert sich das etwas später. Aber es gibt Menschen, die bis ins Alter staunen können.

Es war eine behütete Kindheit?

Bis dicht vort Kriegsende. Wir mussten nicht fliehen. Der Krieg hat sich bei uns erst in den letzten Tagen abgespielt, war am 6. Mai 1945zu Ende. Als Dresden nach der Bombardierung am 13. Februar 1945 brannte, war der Feuerschein zu sehen. Man hat von diesen starken Bildern Prägungen erlitten, die konnte man als Zehnjähriger nicht verkraften und schon gar nicht einordnen. Das kam alles später.

Die „Erde bei Meißen“ als literarisches Terrain, mit alten Worten und Mundart aus längst verschwundenem bäurischen Alltag wie „Schlempe“, „Strapuze“, „Hanfpotz“ oder „Zaukenweiber“.

Das ist der Fundus, aus dem ich immer wieder geschöpft habe. Das will ich nicht retuschieren, weil es ein besonderer Reichtum, vor allem an Sprache war.

Sie sind immer in Bewegung gewesen, per pedes als Landgänger.

Wir wurden als Kinder zu Botengängen weit über die Dörfer geschickt, sind zu zweit, zu dritt bis an die Elbe gelaufen, bis nach Gauernitz, Röhrsdorf, Blankenhain, wo es keinen Weg mehr gibt, weil da die Autobahn verläuft. Wir haben auf diese Weise Bekanntschaft mit der Welt geschlossen. Da ging es ums Schafscheren, Gänseroofen (Raufen), Arbeiten, die Frauen übernommen haben, weil die Männer im Krieg waren. Das ganze Leben beruhte auf den Frauen. Wie das meine Mutter mit fünf Kindern geschafft hat, kann ich mir heute gar nicht mehr vorstellen.

Mit dem Auto waren Sie nie unterwegs?

Ich besitze kein Auto und kann auch nicht fahren. Sitze an der Schreibmaschine, nicht am Computer. Ich habe es versucht, es wird nichts. Mit dem Rad bin ich viel unterwegs gewesen, aber man kann die Landschaft nicht so intensiv und elementar aufnehmen wie als Fußgänger. Zu Fuß kann man auch besten mit den Menschen in ihrer Landschaft reden.

Gibt es eine besondere, wichtige Tour?

Mein Vater hat uns 1945 einen Fußmarsch abverlangt, von Dresden nach Neukirchen in der Oberlausitz, ohne Essen und Trinken. Wir mussten herausbekommen, ob die Verwandten meiner Mutter den Krieg überstanden hatten. Die Tour war mörderisch. Hier in Weimar gab es einen Freundeskreis, mit dem war ich unterwegs zwischen Weimar und Orlamünde, große Tagestouren, auch von Kranichfeld nach Paulinzella. Das hat entscheidend dazu beigetragen, die Beziehung zur Landschaft in Thüringen zu festigen und zu prägen.

Sie leben nun seit fast 50 Jahren in Weimar. Ist Weimar für Sie eine interessante Stadt, leben Sie gern hier?

Diese Frage wälze ich gerade in meinem Kopf, weil ich zu meinem 80. Geburtstag dazu etwas sagen muss. Deshalb werde ich jetzt nicht alles erzählen. Natürlich hat mich Weimar geprägt und auch gebildet. Weimar ist, was die geistigen Beziehungen betrifft, eine immens reiche Stadt. Sie hat solche Reichtümer, die sie gar nicht verkraften kann. Ich pflege ironischerweise zu sagen: Weimar weiß nichts von sich. Steigerungsform: Weimar will nichts von sich wissen. Es sind nur wenige Weimarer, die sich für die kulturelle Vergangenheit ihrer Stadt und Region interessieren. Damit muss man leben.

Der Ettersberg ist ein wichtiger Ort?

Ich blicke von meinem Arbeitszimmer auf den Berg. Ich gehe nicht mehr so oft hinauf. Richtig erschlossen hat mir diese Landschaft der Fotograf Harald Wenzel-Orf, das 1990. Ich habe mich an drei Buchenwald-Projekten beteiligt. Das waren Aneigungsstufen, die mir bewusst gemacht haben, was eigentlich noch alles geschichtlich aufgearbeitet werden müsste.

„Bleibaum“ heißt einer Ihrer Lyrikbände.

Mich interessieren die Beziehungen des Menschen zur Natur. Deshalb habe ich mich früh mit ökologischen Themen beschäftigt. Erste Anstöße gabenmir die Lektüre von Rachel Carsons Buch „Der stumme Frühling“. Ich habe die Problematik immer auf meine Landschaft bezogen. Die Menschheit ist von einer gewissenlosen Zerstörungssucht beherrscht, die schwer zu verstehen ist. Fortschritt bedeutet Zerstörung. Das nehme ich nicht zurück. Bis ins Letzte wird alles ausgepowert, ohne Rücksicht auf nachwachsende Generationen. Und man kann als einzelner gar nichts machen.

Beginnt mit 80 ein neuer Lebensabschnitt?

Das kann man sagen. Ich werde vieles nicht zu Ende bringen, vielleicht noch ein paar Gedichte schreiben. Ich hoffe, mein Zustand bleibt stabil, auch wenn es manchmal an Standfestigkeit hapert. Mich ärgert am meisten, dass ich immer noch diesen ganzen Steuerkram machen muss. Viel zu viel Bürokratie. Das Würdelose ist, dass man die Schnipselei auch noch aufkleben muss.

Welches Buch lesen Sie gerade?

„Hinterm Berg wohnen auch Leute“. Das sind gesammelte Fontane-Beiträge von Gotthard Erler.