Presse - Details

 
29.03.2006

Die Heimwendung nach Winzigerode

von Frank Quilitzsch TLZ

Erfurt. (tlz) "Die Chose da in Winzigerode, wie ich den Ort jahrzehntelang nannte, weil er so unerreichbar und Sperrgebiet war, also die dreitägige Eröffnung der sog. Dichterstätte gestaltete sich manierlicher als ich gedacht hab. (...) Nach allem Brimborium war ich später erfreut über die Heimwendung der Pferdenase, wie in den alten japanischen Schriften der Rückweg einer mühsamen Reise genannt wird."
In ihrem jüngsten Prosaband "Kommt der Schnee im Sturm geflogen" hat Sarah Kirsch dem Förderverein der nach ihr benannten Dichterstätte in Limlingerode (Landkreis Nordhausen) ein literarisches Denkmal gesetzt. Denn dass sich die DDR-Dissidentin und spätere Büchner-Preisträgerin nach so langer Abwesenheit überhaupt wieder gen Thüringen wendete, ist den rührigen Helferinnen und Helfern um Heidelore Kneffel zu danken.

Sie haben das verfallene Pfarrhaus, in dem Sarah Kirsch 1935 als Ingrid Bernstein geboren wurde, nach der Wende wieder hergerichtet und zur Begegnungsstätte ausgebaut. Sie haben die mittlerweile in Schleswig-Holstein lebende Dichterin mehrfach in ihre alte Heimat eingeladen und ihr Andenken in Limlingerode gepflegt. So gesehen, gebührt der Thüringer Verdienstorden, den Ministerpräsident Dieter Althaus gestern in Erfurt Sarah Kirsch verlieh, zur Hälfte dem Limlingeröder "Dichterstätte Sarah Kirsch" e. V.

Und in diesem Sinne vernahmen wir die Lesung der Ordensträgerin durchaus als Laudatio auf "die geduldige Durchsetzungskraft von Heidelerche, Eva, Karin, dem ganzen Verein". Nicht von ungefähr wird Sarah Kirschs Wahl auf jenen Brief gefallen sein, der sich in ihr Bändchen geschmuggelt hat und in dem sie humorvoll ihre Eindrücke von der Dichterstättenweihe 2002 schildert. Rührung und leise Selbstironie sprechen aus den Zeilen: "Und mein Herz ist getrudelt, als ich das Haus nach längerer Zeit wieder sah. Weil ich es nur als Schutthaufen kannte. Besser hätte es meine windige Vorstellung nicht erschaffen können, wie es nun auf dem Berg stand."

Als Aufbauwerk derer, die die Dichterin liebevoll "meine Thüringerinnen" nennt: der aufpolierte Taufengel, die authentischen Sprossenfenster, das "bezaubernde Gölb" des Fachwerks, das alte Nordhäuser Straßenpflaster, "welches das Haus itzt umgibt" - "Oh, das Geburtshaus sieht elegant aus!"

Zurück aus "Winzigerode" in die Thüringer Staatskanzlei, wo die Ordensverleihung gestern zünftig verlief: locker bei Kaffee und Kuchen. Es wurde wenig geredet und viel geplaudert. Und alle waren da: Die Literaturfreunde aus Limlingerode und Nordhausen. Der Verband Deutscher Schriftsteller und die Literarische Gesellschaft. Der Lese-Zeichen-Verein und der Dichternachwuchs vom Literaturforum Hessen-Thüringen. Und natürlich der Landesvater. Dieter Althaus schaffte es, Sarah Kirsch bündig in die lange Kette freiheitsliebender Thüringer Dichter einzufügen, die von Bechstein über Wieland, Herder, Goethe, Schiller, Storm bis zu Fuchs, Rathenow und Kirsten reiche. Er würdigte ihre poetische Kraft und ihre Zivilcourage, mit der sie sich gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann wandte. Die Folge: Ausschluss aus der SED, aus dem Schriftstellerverband und Ausreise nach Westberlin.

Nun also "Heimwendung". Ehrung. Und Dialog. Sie will "ja keene mitm Museum zu Lebzeiten sein". Aber eines Tages werde sie, verspricht Sarah Kirsch, mit ihren unbekannten Orchideenfreunden in den Bleicheröder Bergen "die bleichen Waldvöglein, die Kuckucksblumen, das Wanzenkraut suchen". Vielleicht in diesem Sommer, wenn sie zu den 9. Limlingeröder Diskursen wieder Gast in ihrem Geburtshaus ist?

i Sarah Kirsch: Kommt der Schnee im Sturm geflogen. Prosa. 72 S., 13.90 Euro