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23.08.2003

Die heimlichen Schriftsteller

von Ralph Sommer TLZ

Suche nach verfemten DDR-Autoren

(ddp) Ihre Texte blieben ungedruckt. Oft hinterließen sie nur ein paar handschriftlich gefüllte Hefte. In den Stasi-Akten sind die Blätter noch heute als "strafrechtliches Beweismaterial" fein säuberlich abgeheftet. Joachim Walther nennt die unbekannten Autoren die "heimlichen Schriftsteller der DDR". Die meisten von ihnen waren noch junge Talente, die wegen ihrer regimekritischen Haltung in ostdeutschen Gefängnissen litten und oft seelisch und körperlich an den Repressalien der Diktatur zerbrachen.
Der 59-jährige Literaturexperte Walther durchforstet seit zweieinhalb Jahren zusammen mit der Autorin Ines Geipel die Stasi-Archive nach literarisch wertvollen Texten ehemaliger DDR-Häftlinge.
Dabei sind die Experten auf zum Teil überraschende Werke gestoßen. Sie machten bereits Arbeiten von etwa 200 bislang unbekannten Autoren ausfindig und sicherten 50 vollständig erhaltene Nachlässe. Mittlerweile verfolgen sie 450 Spuren.
Zu den hoffnungsvollsten jungen Literaten in der DDR gehörte dem Experten zufolge Edeltraud Eckert. Als 21-Jährige hatte sie gegen die Zustände in den sowjetischen Internierungslagern der DDR protestiert und wurde 1950 vom Potsdamer Militärtribunal zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt. In der Strafanstalt Waldheim schrieb sie mehr als 100 Gedichte sowie so genannte Monatsbriefe. Im April 1955 starb die junge Frau an den Folgen eines Arbeitsunfalls. Ihre Gedichte schickte das Krankenhaus an Eckerts Schwester, die sie bis heute aufbewahrte. Die Texte zeugten von großem lyrischem Talent, urteilt Walther und vergleicht sie mit frühen Schriften Rilkes.
In Thüringen stießen die Experten sogar auf die Spuren eines seinerzeit verborgenen Dichterkreises, der kleine Literaturfeste veranstaltete, bis die Stasi zuschlug und die Autoren festnahm. Zu dem Zirkel gehörte beispielsweise Rolf Schilling, der 30 Jahre lang im Verborgenen schrieb. Sein Lebenswerk umfasst rund 4000 Seiten. Erst nach der Wende erschien im Arnshaugk Verlag München eine 16-bändige Werkausgabe des heute bei Nordhausen lebenden Literaten.
Literarisch wertvoll seien auch die Arbeiten des Thüringers Günter Ullmann, der in der Einzelisolation 14 Buchmanuskripte verfasst habe. Viele Texte seien Zufallsfunde in den Akten der Birthler-Behörde, erläutert Walther. Die Erschließung der personenbezogenen Unterlagen sei kompliziert. Oft sei man auf die Hilfe der Autoren oder der Hinterbliebenen angewiesen. Mit finanzieller Unterstützung der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur will Walther jetzt ein "Archiv unveröffentlichter Literatur in der DDR" aufbauen.
Es soll öffentlich zugänglich sein und helfen, die gesamte DDR-Literatur zu bewerten. Außerdem wollen Walther und Geipel einen zehnbändigen Literaturführer mit dem Titel "Gerettete Texte" oder "Verschwiegene Bihliothek" herausgeben.