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03.12.2015

Die Gliesings aus Ranis haben zwei Brüder aus Syrien aufgenommen

von Esther Goldberg Ostthüringer Zeitung

Andreas und Katharina Gliesing haben den kleinen Jalal und seinen älteren Bruder Majid bei sich in Ostthüringen aufgenommen. Foto: Esther Goldberg

Pflegschaft übernommen: Die Kirchengemeindesekretärin und der ehrenamtliche Bürgermeister helfen dem Schulkind und dem angehenden Lehrling

Ranis. Schummeln ist nicht. Kleine gewinnen zu lassen, ist irgendwie unfair. „Die Jungs wollen die Brettspiele ernsthaft spielen“, sagt Katharina Gliesing. Deswegen gewinnt sie auch manchmal, obwohl ihr das vollkommen egal wäre. Die Jungs, das sind Majid und Jalal aus Syrien, aus der Stadt Qamischli. Seit knapp fünf Wochen sind die beiden in Deutschland – und beinahe genauso lang nun schon bei den Gliesings.

Rückblende: Es ist der Abend des 2. Oktober. Gliesings sind zu Hause. Das passiert selten genug, weil sie für die 1700 Einwohner der kleinen Stadt nahe Pößneck viel unterwegs sind. Sie als Gemeindesekretärin der Kirche und er als ehrenamtlicher Bürgermeister. Ein langes und wohl auch lang ersehntes Wochenende liegt vor ihnen. Das Telefon klingelt. Ein befreundeter Pfarrer hatte im nächsten Ort eine Flüchtlingsunterkunft in der sogenannten Winterkirche organisiert. Das ist eine Kirche, die wirklich beheizbar ist. Dann kam mit dem Bus voll Geflüchteter der Schreck: Vor der Kirche standen zwei Geflüchtete mehr als sie Betten hatten.

„Helft uns“, sagt der Pfarrer den Gliesings am Telefon. Die beiden schauen sich an. Darüber reden müssen sie nicht mehr, sie hatten ja bereits Hilfsbereitschaft signalisiert. Sie haben doch genügend Platz. Im Haus und im Kopf. Da sind welche, die brauchen Hilfe. Punkt. Innerhalb von nur 15 Minuten zogen Majid (20) und sein zehnjähriger Bruder Jalal bei ihnen ein.

Die beiden hüten sich, die Jungen nach ihrem Weg hierher zu fragen. Nur, was der Große wirklich erzählen will, erzählt er. Mühevoll. Denn noch müssen sie sich mit einem Übersetzungsprogramm verständigen. Der Deutschkurs an der Volkshochschule hat zwar begonnen. Aber es wird noch dauern, bis Majid reden kann.

Und wahrscheinlich ist es ihm auch gar nicht so unrecht, dass er noch nicht seine komplette Fluchtgeschichte erzählen muss. Stattdessen zeigt er ein paar Bilder. Vom Bahnhof in Budapest zum Beispiel. Und von dem Marsch auf der Autobahn in Richtung Österreich. Plötzlich ist da auch ein Video. Darauf ist Jalal zu sehen. Er tobt in einem Schwimmbad herum, Freunde schubsen ihn ins Wasser und lachen. Es ist die Erinnerung an die Vergangenheit einer wohl situierten Familie, die in einem Land lebte, das ein bisschen etwas von den Märchen aus 1001 Nacht hatte. Diese Stadt mit ihren 200 000 Einwohnern, dieses Bad gibt es so nicht mehr. Auch Jalal schaut dieses kleine Video aus alter Zeit an und lacht. Er hat sich mit seinen zehn Jahren nach den Grauen des Krieges und der Flucht zumindest am Tag, im Hellen die Gnade der Kindheit bewahren können. Genau im Hier leben. Jetzt. Mit dem großen Bruder an der Seite. Und dem Schulranzen auf dem Rücken.

Jalal geht bereits in die Grundschule. Gern. Auch wenn er noch nicht viel versteht. Aber er übt die Buchstaben. Schreibt zum Beispiel das Wort König. Viel anfangen kann er damit noch nicht. Das ist auch unwichtig. Die Buchstaben zählen. So geht Sprache. Er will möglichst bald seinen Freunden beim Fußball etwas zurufen. So, wie sie das untereinander tun und es derzeit bei ihm mit Zeichensprache halten. Jeden Morgen ist er in der Schule der erste. Er ist glücklich dort.

„Jeder Tag ist eine Herausforderung“

Majid spielt auch regelmäßig Fußball. Für beide sind bereits die Spielerpässe beim Fußballbund beantragt. Irgendwie scheinen die Jungen nach so kurzer Zeit nicht mehr gänzlich fremd zu sein in Ranis. Aber was in Majid wirklich vorgeht, das behält er meist für sich. Sein Vater ist seit August tot, Mutter und Geschwister sind jetzt in den Irak geflohen. Was bleibt, sind ein paar SMS und mal ein Anruf und halt Fotos auf dem Handy. Er weiß nicht, wann sie sich wiedersehen. „Aber ich bin sehr froh, dass wir bei der Familie sind“, sagt er. Und weil sein Handy keine sonderlich gute Übersetzung bietet, wird daraus eine „respektable“ Familie. Dabei will er ihnen später vielfach zurück geben, was sie derzeit für ihn und den kleinen Bruder tun.

Warum die Gliesings die Jungs ins eigene Haus holen, erklären sie sehr unspektakulär. „Ich verstehe derzeit die Welt nicht. Alle Gläubigen haben einen einzigen Gott. Er hat die Religion nicht erfunden“, sagt Andreas Gliesing. „Kinder brauchen eine Heimat“, ergänzt seine Frau. Und Heimat sei dort, wo auch Freunde seien. Gerade mal einen Katzensprung entfernt von der schönen Einfamilienhaus-Wohnsiedlung, in der die Familie lebt, gibt es ein Kinderheim. Den Satz von der Heimat bezieht sie auf alle Kinder in Ranis. Sie wuschelt Jalal über den Kopf. Sie haben die Pflegschaft für ihn beantragt. Und der Große soll ebenfalls weiter bei ihnen leben. Integration halt. „Und das wird noch besser, wenn er seine Lehre fortsetzen kann“, ist Katharina Gliesing überzeugt. In Syrien hatte Majid die Ausbildung zum Friseur begonnen.

„Trotzdem ist jeder Tag eine Herausforderung“, sagt Andreas Gliesing. Er meint damit nicht nur seine Jenaer Uni-Baustelle, die er als Bauleiter zu verantworten hat. Er spricht von dem neuen Leben mit den beiden Jungen. Das beginnt ganz profan beim Essen. Die beiden sind Moslems. Halal zu essen, dem Koran gemäß also, ist nicht einfach. Gern ein Stück Fleisch. Doch einen entsprechenden Fleischer gibt es nur in Erfurt. Wenigstens gehen Eier. Das dürfen sie. Doch gleich am frühen Morgen? „Wir müssen alle lernen“, so Katharina Gliesing.

Lernen mussten auch einige Bewohner dieser kleinen Stadt in Ostthüringen. Einer behauptete ernsthaft über syrische Flüchtlinge, die würden „in der Badewanne Feuer machen“. Und das ausgerechnet gegenüber den Gliesings, die schon fünf eigene Kinder großgezogen haben. Die Gliesings gehören zu denen, die seit Jahren jeder Form von fremdenfeindlichem Auswurf widersprechen.

Das haben sie auch diesem Mann gegenüber getan. Auf sehr bestimmte Weise und dennoch freundlich. Das ist eine Kunst, die sie gelernt haben mit den Jahren. Und nun, da bereits 18 Syrer in der kleinen Stadt wohnen, werden die Vorbehalte kleiner. Das mit dem Feuer in der Badewanne oder dem Messer an der Kehle, das sagt sich schwerer, wenn man den Menschen im Alltag begegnet.

Manchmal sitzen die Jungs am Computer der Familie. Weil sie gern eine türkische Serie schauen wollen, auf kurdisch. Doch spätestens abends um acht Uhr muss Jalal ins Bett. Manchmal hat er Angst. Mit der Dunkelheit kommen auch dunkle Bilder. Dann geht Majid, sein großer Bruder, zu ihm.

Dennoch wird er ihn bei den Brettspielen nicht gewinnen lassen. Denn da ist er einfach ein Junge wie alle anderen – ganz ohne diese Schwere.