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12.07.2005

Die Geschichte vom heiteren Kummerfeld

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Gute Filme in der DDR haben fast immer eine Geschichte, und manchmal wurde diese dem Autor zum Schicksal. Der Weimarer Schriftsteller Wolfgang Held kann heute darüber schmunzeln, was ihn einst zum Heulen, ja an den Rand der Verzweiflung brachte. Anfang der 70er Jahre - da war er schon ein gestandener Film- und Fernsehautor - hatte er der Defa ein Szenarium angeboten, das von einem Priester und einem "roten" Dorfbürgermeister handelte, die im thüringischen Eichsfeld an einem Strang ziehen - manchmal in verschiedene, doch meist zum Gemeinwohl in dieselbe Richtung. Eine mit Witz und Humor erzählte, an Haseks "Schwejk" und Ehm Welks "Die Heiden von Kummerow" geschulte Schelmen-Geschichte.

"Die Defa-Vertreterin war begeistert. Aber, so ihr berechtigter Einwand, es fehle noch der Hintergrund der Figuren, die Vorgeschichte des Priesters Blasius und des Genossen Heiliger", erinnert sich Held nach über dreißig Jahren. Diese war schnell in Angriff genommen, entwickelte sich jedoch zu seiner Überraschung zu einem eigenen, stark autobiografisch grundierten Sujet: das Szenarium zu "Einer trage des anderen Last" war geboren.

Des Autors Freude über den von Freunden und Regisseuren als großartige Parabel auf die Toleranz empfundenen Filmstoff währte nicht lange, denn von den staatlichen Gremien wurde er abgelehnt. Partei und Kirche im Basisbündnis gegen die dogmatische Obrigkeit - das war seinerzeit ein Griff in die Tabukiste. Ein anderthalb Jahrzehnte langes, zähes Tauziehen um die Realisierung des Films begann.

Steter Tropfen höhlt den Stein

1977 wandte sich Held mit einem persönlichen Schreiben an den künstlerischen Leiter der Defa, Professor Jürschik: "... wenn ich nun dennoch verwegen ein ,tabuisiertes´ Projekt aus dem Schatten zerre und auf Ihren Schreibtisch schiebe, so geschieht das mit dem mir angeborenen, eingestandenermaßen zuweilen ans Pathologische grenzenden Optimismus und aus der Überzeugung, dass es sich bei diesem Filmvorhaben um eines der bedeutendsten Werke der jüngeren Filmgeschichte unseres Landes handelt", heißt es in DDR-typischem Stil.

Es erfolgte keine Antwort. "Die Ermordung eines Kunstwerkes bleibt, jedenfalls in unserem Land, straffrei", notierte Held 1980 sarkastisch in seinem Tagebuch. Und sechs Jahre später ergreift ihn doch noch das kaum mehr für möglich gehaltene Glück: "Es ist wahr: Steter Tropfen höhlt den Stein! ,Einer trage des anderen Last´ wird produziert!"

Der in der Regie von Lothar Warneke gedrehte Film, der im Jahre 1950 in einer Lungenheilanstalt spielt und von der schwierigen Annäherung und Freundschaft zwischen dem jungen Grenzpolizisten Josef Heiliger und dem Vikar Peter Blasius erzählt, ist 1988 im DDR-Kino ein Publikumsrenner, gewinnt auf der Berlinale einen Silbernen Bären, und Wolfgang Held wird über Nacht zum Helden: nämlich als erster deutscher Drehbuchautor für den Europäischen Filmpreis nominiert.

Wer ahnte schon, wie viele Jahre der Film auf Eis gelegen hatte! "Wenn die mir auf dem Weg widerfahrenen Ärgernisse Steine wären, ließe sich daraus eine Pyramide bauen, gewiss höher als der Inselsberg", meint der Thüringer Drehbuchautor in humorvoller Übertreibung.

Der Streifen ging rund um den Erdball, feierte in 32 Ländern Erfolge, und die Geschichte wurde fast überall so aufgenommen, wie es ein ägyptischer Journalist bei der Premiere in Kairo formulierte: "Für uns ist dieser Film ein Plädoyer für Toleranz zwischen Palästinensern und Israelis!"

Keiner will das Risiko tragen

1995 schließlich erscheint der Roman zum Film. Doch die Geschichte vom heiteren Kummerfeld, wie das Dorf im Eichsfeld bei Held heißt, war damit noch nicht zu Ende, im Grunde war sie noch gar nicht erzählt. Die Schwejkschen Episoden von der Wasserleitung, die von den Eichsfeldern nur gebaut wird, weil Priester Blasius sie heimlich weiht, oder vom Kruzifix im Klassenraum, das auf Verlangen der Staatsmacht aus dem Blickfeld der Kinder verschwinden soll, ohne dass die Eltern protestieren. Genosse Heiliger rät, das Kreuz hinter den Schülern aufzuhängen. Am nächsten Morgen sitzt alles mit dem Rücken zum Lehrer.

Wolfgang Held hat über dreißig Bücher - darunter etliche für Kinder und Jugendliche - und mit "Zeit zu leben" (1969) und "Die gläserne Fackel" (1989) ein Stück Film- und Fernsehgeschichte geschrieben. Doch "Unser liebes Kummerfeld", in den 60er Jahren bereits konzipiert, liegt bis heute brach. Trotz des Erfolgs von "Einer trage des anderen Last" wagte sich nach der Wende kein Produzent an die Blasius-Heiliger-Episoden. Held: "Alle fanden das Szenarium gut, doch keiner wollte sich auf das finanzielle Risiko einlassen. Und ich wollte nicht noch mal fünfzehn Jahre kämpfen müssen."

Bezeichnenderweise hieß Wolfgang Helds erster Roman "Manche nennen es Seele". Sein Hauptthema sei die Toleranz, bekennt der Autor, der heute seinen 75. Geburtstag feiert. "Toleranz ist für mich der einzige Weg zum Überleben der Menschheit. Alles Unglück der Welt beruht auf Intoleranz." Gestern wurde der Autor von seiner Heimatstadt mit der "Goldenen Ehrennadel" ausgezeichnet. Und was des Menschen Seele betreffe, ergänzt der an die Vernunft glaubende Atheist, so sei diese zwar nicht nachweisbar, "aber man darf sie nicht verletzen".