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22.01.2011

Die geheime Schatzkammer

von Matthias Biskupek Thüringer Allgemeine

Weimar hütet Goethes Handschriften. Aber auch jenseits des Großdichters gibt es in Thüringen literarisch viel zu erkunden. Foto: Alexander Volkmann

 In Thüringen wird an einem "Leitbild Kultur" gearbeitet. Das, so scheint es, ist bislang ziemlich einmalig und vielleicht sogar vorbildlich für das föderale Deutschland. Die Thüringer Schriftsteller arbeiten auf ihre Weise an einem geistigen Verbund, an einer "geheimen Schatzkammer".


Erfurt. Wenn man an Kultur und Thüringen denkt, so fallen einem zunächst die Einwanderer Goethe und Schiller ein, natürlich auch Luther und Bach, etwas später kommen Bauhaus und Planetarium ins Gedächtnis.
Bereits vor Jahren aber gab es in Weimar unter der Federführung der Literarischen Gesellschaft mit Gisela Kraft, Wolfgang Held und Wulf Kirsten eine Unternehmung "Unterbelichtet", in der die im Schatten der üblichen Klassikdichtung Stehenden gewürdigt wurden: Jean Pauls Nöte und Herders Gedichte, kleine Verlage und große, einst verkannte Künstler.

Die im Thüringer Schriftstellerverband (VS) zusammengeschlossenen Autoren arbeiten nun an einem Projekt, in dem sie auf die Suche nach Wurzeln und Spuren gehen. Man könnte es "Die geheime Schatzkammer" nennen. Die Schriftsteller wohnen in verschiedenen Regionen unseres Landes. Unterschiedlich sind ihre biografischen Wurzeln, ihre Liebes-Verhältnisse zu dieser oder jener Landschaft, zu diesem oder jenem dichtenden Vorfahren, zu diesem oder jenem Kollegen. Ist aber Verschiedenheit nicht auch das Besondere an Thüringen, am Land der Residenzen, der Region einstiger Kleinteiligkeit und kühner, gelegentlich auch skurriler Ideen?

Mit Essays oder Dokumentationen, mit Mundart-Forschungen, Hörspiel, Bühnenmonolog oder einer biografischen Erzählung wollen die Autoren von heute das geistige Thüringen erkunden. Ob sie im südwestlichen Landes-Zipfel leben, wie Peter Drescher, oder im fernen Osten, wie Elisabeth Dommer, im Zentrum, wie Landolf Scherzer, oder in Saalfeld, wie die Verbandsvorsitzende Anne Gallinat: alle spüren ganz zwangsläufig von Zeit zu Zeit den Literatur-Wurzeln ihrer räumlichen Umgebung nach. Ob es da um einen jungen Wilden geht, der zu früh verstarb oder eine Buchhandlung in Altenburg, in der zahlreiche Kinderbücher entstanden, überall lebten, lachten und dichteten Menschen, an die sich zu erinnern lohnt. Mit ihrem Gemeinschafts-Projekt arbeiten die Schriftsteller Thüringens am Gebäude, das "Literarische Landeskunde" heißen könnte. Ein gewichtiger Band mit allen Ergebnissen wäre denkbar.

Gewiss hat zum Beispiel Jens-Fietje Dwars nicht nur im literarischen Journal "Palmbaum" recht oft auf Leute hingewiesen, deren Werke zu lesen lohnt. Doch was weiß man wirklich über Gino Hahnemann, gebürtiger Thüringer, der in Berlin zur Avantgarde zählte, bevor er zu früh verstarb? Ende des 19. Jahrhunderts galt ein gewisser Albert Lindner, Gymnasiallehrer in Rudolstadt, als meistgespielter Dramatiker im Wilhelminischen Kaiserreich. Dann übersiedelte er nach Berlin und fiel, wie es damals hieß, in geistige Umnachtung. Außer einem Straßennamen erinnert heute nichts mehr an ihn. Warum ist das so? In einem hinterwäldlerischen Dorf gibt es das Glockenhaus, das mit dem Leben eines Autors verbunden ist. In Jena lebte eine Schriftstellerin, die nur aufgrund ihres jüdisch klingenden Pseudonyms geächtet wurde. Stoff bietet sich allüberall an, auch Dichtung heute entsteht oft nur im Zusammen-klang mit den Arbeiten von Kollegen. Gab es einst die literarischen Salons und Stammtische mit festen Terminen und mehr oder minder bedeutenden Teilnehmern, so sind literarische Netzwerke heute zwar aufgrund weltweiter elektronischer Ver-knüpfung leichter möglich: Die reale und die virtuelle Nähe können aber oft spannungsreich einander widersprechen.

Ein Projekt wie die "Geheime Schatzkammer" benötigt Für-sprecher und Mitmacher an vielen Enden und Ecken. Die gibt es. Da sind die finanziell arg beschränkten Bibliotheken und die eher wenig reichen Vereine. Die opulenter ausgestattete "Thüringer Kulturstiftung" hingegen mochte bislang kein Interesse an diesem Projekt zeigen. Zu kleinteilig, zu regional, zu wenig kühn vielleicht? Obwohl doch einem "Leitbild Kultur" genau solche Spuren- und Wurzelsuche entspräche. Schriftsteller, wenn sie es denn aus Berufung sind, haben eine löbliche Eigenart: Sie schreiben weil sie schreiben müssen. Doch allein für Gotteslohn, wie es früher hieß, um-fangreich zu recherchieren und treffsicher zu formulieren, können sich selbst Rentner kaum leisten. So kann es also noch eine Weile dauern, bis "Die geheime Schatzkammer" öffentlich wird, bis sie an Interessenten kommt und in Lesungen vorge-stellt werden kann.
Vielleicht aber werden die heutigen Geschichten und Essays, Hörspiele und Dokumentationen noch eine ganze Weile länger ruhen müssen. Wenn sie dann irgendwann doch ans Licht der Öffentlichkeit kommen, ist der Titel immerhin schon ge-funden: Die geheime Schatzkammer.