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13.06.2009

Die DDR hat es wirklich gegeben

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

Literaturtage-Auftakt in Ranis mit einem Roman, der auf einer wahren Begebenheit beruht

Von OTZ-Redakteur Marius Koity Ranis. Zur Stasi als Thema in der Literatur gibt es mittlerweile Vorlesungen an Universitäten. Die Reihe der Werke, die in dieser spannenden Spezialität der deutschen Literatur wirklich von Bedeutung sind, dürfte der Anfang des Jahres im Verlag Antje Kunstmann München erschienene Roman ergänzt haben, mit dem am Donnerstag die 12. Thüringer Literatur- und Autorentage auf Burg Ranis eröffnet wurden: "Ich schlage vor, dass wir uns küssen" von Rayk Wieland. "Das ist ein Roman", sagte der bei Hamburg lebende Schriftsteller am Rande seiner Lesung, um Missverständnisse auszuräumen. Sein Buch beruht allerdings auf einer wahren Begebenheit: "Die DDR hat es wirklich gegeben." So ist es auch kein Wunder, dass sich Gäste des Abends durch die gehörten Episoden an eigene ähnliche Geschichten erinnert fühlte. Denn auch die Stasi hat es wirklich gegeben.
Mit herrlicher Leichtigkeit erzählt Wieland von einem gewissen W., der in der Gegenwart plötzlich zum DDR-Untergrunddichter geadelt wird. Der Ost-Berliner lässt sich seine Stasi-Akte kommen und findet da nicht nur - "netter Zug des MfS", wie es im Roman heißt - Kopien sämtlicher Papiere, die er mal für den Rentenantrag brauchen wird, sondern auch die von Lyrik durchtränkten Liebesbriefe, die er in den 1980ern seiner - mit dem Mauerfall erloschenen - Flamme aus München geschrieben hat. Die Stasi las mit und witterte gleich eine "tickende Lyrikbombe", so dass sie einen irrwitzigen Aufwand betreibt, dem "zweimal 300 Seiten" an erhaltenen Stasi-Unterlagen ein Denkmal der Dummheit setzen. Auf den letzten 25 Seiten des Buches lässt Wieland seine Leser mit Auszügen aus Original-Stasi-Unterlagen selbst beurteilen, ob etwa eine vierzeilige Übung mit dem Titel "Lied des Hundediebes" tatsächlich größeren Aufwand der Staatsgewalt rechtfertigte.

Den Geschmack kleinbürgerlicher Ostalgiker dürfte der Roman nicht treffen, das 60-köpfige Publikum in der Breitenbuchhalle der Burg war indes auf seine Kosten gekommen. Wieland war eine gute Alternative für den ursprünglich angekündigten, aber nach einem Unfall transportunfähigen Satiriker Max Goldt. Dieser hätte zwanzig Jenaer mehr nach Ranis gelockt, war Anke Scheller vom veranstaltenden Lese-Zeichen e. V. der Meinung. Die Raniser selber waren zur Premiere ihrer diesjährigen Literaturtage in der Minderheit. "Sie kommen am Wochenende", versprach Bürgermeister Andreas Gliesing. Heute ab 15 Uhr und morgen ab 11 Uhr stehen insgesamt fünfzehn Angebote bis hin zum literarisch untermalten Abendessen und literarischen Gottesdienst auf dem Programm: Jeder an gepflegter Unterhaltung und unterhaltsamer Bildung Interessierte sollte etwas Passendes finden