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07.12.2006

Die Chancen der Nische

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Steigt man in der Weimarer Eckermann-Buchhandlung die Wendeltreppe hinauf, findet man sich im neuen Thüringer Leseland wieder. Oben stehen, ordentlich in Regalfächer sortiert, Buchreihen und Raritäten: die kompakten Künstlerbücher des Thüringer Landesmuseums Heidecksburg etwa neben den schlicht-eleganten Ausgaben der Bauhaus-Universität oder die "Weltliteratur für junge Leser" des Bertuch-Verlags neben den poesievoll gestalteten Kinderbüchern des Kamprad-Verlags Altenburg. Der Besucher der ersten "Thüringer Bücherschau" kann sich, die Regale abschreitend, einen Überblick über die einheimische Verlagslandschaft verschaffen.
36 Verlage aus ganz Thüringen beteiligen sich mit insgesamt 500 Buchtiteln, Kalendern und Hörbüchern an der Präsentation, für die Teile der Bibliothek des Literaturhauses umgelagert wurden. Den frei gewordenen Platz füllten die Verleger aus Jena, Erfurt, Gotha, Schleiz, Heiligenstadt, Schmiedefeld und anderen Orten jeweils mit einem Querschnitt ihrer Programmpalette. "Wir freuen uns über jeden Zuwachs an Öffentlichkeit", lobt der Jenaer Verleger Helmut Stadeler die erst Anfang September bei einem Verleger-Treff in Schweinsburg geborene Initiative des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels.

"So etwas gab es bisher in Karlsruhe oder in München, nicht jedoch in unseren Breiten", erklärt die in Leipzig ansässige Geschäftsführerin des Landesverbandes Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Regine Lemke. Die Bücherschau ist keine Messe, die zumeist von großen Editionshäusern beherrscht wird. Hier sind die kleinen und mittleren Verlage unter sich und können neben Neuerscheinungen auch ihr verlegerisches Profil zeigen. "Alle haben den Wunsch und das Problem, ihre Produkte auf dem Markt sichtbar zu machen", sagt Lemke.

Die Idee stammt ursprünglich von der Thüringer CDU-Fraktionsvorsitzenden Christine Lieberknecht, die vor fünf Jahren zum Welttag des Buches eine einheimische Verlagspräsentation im Landtag angeregt hatte. "Damals war uns wichtig, dass wir von der Politik wahrgenommen wurden", erinnert sich Stadeler. Der jetzige Ausstellungsort, das Literaturhaus Weimar, bietet nun auch die Chance, mehr Leser aus der Bevölkerung zu erreichen. Die gemütliche obere Etage mit dem TLZ-Bistro ist ganztägig geöffnet und wird häufig zu Abendveranstaltungen genutzt. Wer mag, kann bei einer Tasse Kaffee oder einem Glas Wein nach Herzenslust in den Büchern blättern. Und auch wenn darin nicht der Zweck der Schau liege, sei der eine oder andere Titel in der darunter liegenden Buchhandlung auch käuflich zu erwerben, versichert Verleger Michael Maaß vom gastgebenden Literaturhaus e. V.

Verlegerlust und -last

Nach der Eröffnung der Schau heute Abend durch Christine Lieberknecht wird der Vorsitzende der Fachgruppe Herstellender Buchhandel im Börsenverein, Helmut Stadeler, über Chancen und Risiken verlegerischer Arbeit hier und heute sprechen und dabei die Hauptproblemfelder der "Kleinen" streifen - die Bereitstellung eines ausreichenden Produktionskapitals und die Organisation des Vertriebs. Dabei wird er die intellektuelle und unternehmerische Lust nicht aus dem Blick verlieren: "Büchermachen ist eine wundervolle Angelegenheit!"

Davon kann sich jeder selbst überzeugen. Die Thüringer Präsentation bietet Raum für Entdeckungen und Wiederentdeckungen. Nicht alles, was sich da, gruppiert nach Verlagen, dem Blick darbietet, genügt schon höheren ästhetischen Ansprüchen. Doch immer wieder stechen aus den Reihen praktischer, gediegener Editionen verlegerische Spitzenleistungen hervor: die Künstlerbücher der burgart presse Rudolstadt beispielsweise oder die für Schulen gedachten Bild-Text-Dokumentationen von DNT-Inszenierungen aus dem Erfurter Peter Stein Verlag.

Die große Spannbreite verdeutlicht, wozu hiesige Kleinverlage fähig sind: Nischen zu besetzen, Regionalem in die Welt zu verhelfen sowie poetische Ausgrabungen zu machen und neue Autoren herauszubringen. Dafür stehen Reihen wie "Biografien Weimarer Persönlichkeiten" des weimarer taschenbuch verlags, die auf Lyrik spezialisierte "edition Azur" des Jenaer Glaux Verlags und die im Wartburg-Verlag erscheinende "Edition Muschelkalk" der Litarischen Gesellschaft.

i Bis 31. Januar, Mo-Sa 9.30-20 Uhr; Eröffnung heute, 19 Uhr