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23.03.2004

Die 'andere Seite' Thüringer Politiker

von xr TLZ

Heiligenstadt. (tlz/xr) Feinen, handgemachten Jazz spielen sie, dass es sich gelohnt hat, an diesem feucht-kühlen Samstagabend den häuslichen Fernsehsessel gegen einen Stuhl im Keller des Stormmuseums zu vertauschen. Wer zeitig genug zur Veranstaltung "Die Hoffnung stirbt als Letztes...Jazz, Lyrik und Prosa" gekommen war, konnte sich seinen Stuhl sogar noch aussuchen; für alle anderen wurde es eng. Doch was kann einem Gastgeber Besseres passieren?

Das Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung Thüringen, der Eichsfelder SPD-Landtagsabgeordnete Hans-Jürgen Döring aus Worbis und die Heiligenstädter Buchhandlung Multhauf hatten eingeladen, gastfreundlich die Museumsmitarbeiter die Türen geöffnet. Die Jazzband "media nox" aus Greiz war zuständig für den musikalischen Part. Ihr Bass-Gitarrist heißt Harald Seidel, Politiker im Thüringer Landtag. "Einer von jenen, zu denen man du sagt, wenn man sie zum ersten Mal auf dem Bahnhof trifft", charakterisierte ihn der Thüringer Publizist und Schriftsteller Landolf Scherzer aus Suhl. Scherzer gehört nicht dem Landtag an, sondern war, wie er selbst sagt, "in der glücklich-unglücklichen Lage, ein Jahr lang als ,Landtags-Schreiber´ tätig zu sein". Unter den Abgeordneten habe er, so Scherzer, in seiner liebenswürdig-ketzerischen Art, richtige vernünftige Leute kennen gelernt. Leute, die unabhängig ihrer Parteizugehörigkeit nicht nur verwalten, sondern kreativ sein wollen.

Hörenswerte Kostproben seiner Kreativität bot Hans-Jürgen Döring. Döring selbst hatte vorgeschlagen, ihn an diesem Abend nicht als Landtagsabgeordneten, sondern als Lyriker zu begrüßen. Seine feingeschliffenen Verse erzählen Geschichten, manche so komprimiert, dass eine ganze Lebensweisheit in einen Vierzeiler ("Für Skeptiker") passt. Eine Neuentdeckung für manche Besucher war wohl, dass der Worbiser seine Erlebnisse dem Publikum auch im Lied vermittelt (z.B. "Das Märchen vom Schlaraffenland"), auf der Gitarre begleitet von Dr. Thomas Winkler.

Scherzer lies in seinen Texten nicht nur die komisch-heiteren Alltags-Seiten der DDR und der Sowjetunion lebendig werden. Er hatte, im Gedenken an die Euro-Einführung "eine Währung-wechsle-dich-Geschichte" mitgebracht.