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07.02.2009

Dichterorte: Von Aachen bis Zwickau

von Ulrich Kaufmann TLZ

Das fast 1500 Seiten umfassende Buch ziert ein Farbfoto der Wartburg, eines auch literarischen Denkmals im "neuen" Bundesland Thüringen. Damit setzen Fred Oberhauser und Axel Kahrs, die Hauptautoren und Herausgeber, ein erstes Zeichen: Fast zwei Jahrzehnte nach dem Mauerfall ist es nunmehr möglich, sich einen Überblick über die Orte der Dichter im ungeteilten Deutschland zu verschaffen.
In seinem Geleitwort nennt Günther de Bruyn, der exzellente Kenner deutscher Literaturlandschaften, das Werk treffend eine "Geschichte der deutschen Literatur, die nicht chronologisch, sondern geographisch geordnet ist". Goethes Geburtshaus in Frankfurt sei nunmehr nicht mehr von Weimar getrennt, schreibt de Bruyn, und Döblins Name begegne dem Leser nicht nur an dessen Sterbeort Emmendingen, sondern sei durch seinen Großstadtroman auch mit dem Berliner Alexanderplatz verbunden.

Fred Oberhauser, der 85- jährige Nestor des Projekts, und Axel Kahrs entschuldigen sich einleitend fast dafür, dass die fünf neuen Länder vom Platz her etwas "großzügiger" bedacht worden seien. Dass vier der neuen Bundesländer (Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen) literaturtopographisch so präzise und angemessen dargestellt worden sind, ist ein Verdienst des Jenaer Germanisten, Kulturhistorikers und Verlegers Detlef Ignasiak. Dieser Sammler mit einem phänomenalen Gedächtnis wird in Thüringen vornehmlich als Verleger, Vortragender und Reiseführer, kaum jedoch als Autor wahrgenommen. Dabei liegen augenblicklich gleich drei seiner gut lesbaren Bücher in neu gestalteten Auflagen in den Buchhandlungen, darunter "Luther in Thüringen".

Ein Lexikonschreiber hat es insofern leichter, als er seinen Autor chronologisch vorstellen kann. Ungleich schwerer ist das Geschäft des Literaturtopographen: Er muss nicht nur die Lebensstationen der Schriftsteller kennen, sondern auch die regionalen Bezüge im Werk herausstellen.

Wie gründlich die Autoren insgesamt und Detlef Ignasiak im besonderen gearbeitet haben, sei an einem Beispiel gezeigt: Zu den vielen Jubilaren des Jahres 2009 gehört auch Volker Braun. Wir erfahren, dass der in Pankow lebende Dichter 1945 als Kind den Untergang seiner Heimatstadt Dresden miterleben musste. Natürlich fehlt Hoyerswerda nicht, wo sich Braun (wie sein Held Kast) im "Schlamm" auf sein Philosophiestudium "vorbereiten" durfte. Lediglich die Leipziger Jahre, die der Erzähler in dem Text "Der Hörsaal" schildert, fehlen. Erinnert wird an Brauns Engagement für das Schweriner Poetenseminar, seine enge Bindung an das thüringische Kochberg, an den Besuch des Dichters in Katlenburg beim Bücherpfarrer Weskott ("Schreiben im Schreder"). Auch werden wir darauf verwiesen, dass die "Unvollendete Geschichte" in Magdeburg angesiedelt ist und dass der Erzähler Braun 2004 dem sächsischen Ort Schwarzenberg ein weiteres literarisches Denkmal hinzufügte: "Das unbesetzte Gebiet".

Jeder Freund der Belletristik wird in diesem Baedecker der Literatur Neues über Schauplätze, Gedenkstätten, Auszeichnungen, literarische Motiv- und Stoffkreise und vieles andere erfahren. Selbstredend wird er bei seinen Lieblingsautoren und Büchern auf Lücken oder Unschärfen stoßen. Doch ist er bereits dem "Zauber des Themas" erlegen und mag es, wie der zu Beginn zitierte Werner Frick formulierte, "nach dem Kompass eigener Lektüre kreativ fortspinnen".

Für den Literaturfreund ist dieses reich bebilderte, mit Karten versehene und im doppelten Sinne gewichtige Taschenbuch ein Muss, auch wenn es mit seinen 3700 verzeichneten Orten in keine Hosentasche mehr passt.

i Literarischer Führer Deutschland. Herausgegeben von Fred Oberhauser und Axel Kahrs unter Mitarbeit von Detlef Ignasiak, Peter Neumann u. Gerd Holzheimer, Insel Verlag, Frankfurt a.M. und Leipzig, 1470 S., 48 Euro