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14.08.2009

Dichtergrüße mit Geheimnis

von Ulrich Kaufmann TLZ

Weimar. (tlz) Der literaturinteressierte Thüringer kennt den Autor des Jahrgangs 1970 als Rezensenten mit einer guten "Schreibe" sowie als verdienstvollen Herausgeber von immerhin 21 Bänden der "Edition Muschelkalk", die durch Wulf Kirsten begründet wurde. An etlichen Büchern über Lenz, Nietzsche, Eugen Diederichs, Harald Gerlach u. a. war er maßgeblich beteiligt. Und er schreibt regelmäßig Buchkritiken und literarische Artikel für die TLZ. Doch was die wenigsten wissen: Agthe, der mancher Begabung zu einem ersten Buch verhalf, ist selbst Lyriker.
Einem Gedichtbändchen in der Reihe "Sermon" (2004) folgte ein Jahr später ein auf 35 Exemplare limitiertes Buchobjekt mit dem bescheiden daherkommenden Untertitel "Bagatellen aus dem Nietzsche Haus Naumburg". In seiner neuen Publikation kommt der in Naumburg ansässige Dichter bereits im Titel erneut auf Friedrich Nietzsche bzw. auf dessen Mutter zu sprechen: "Franziskas Friedensreich".

Agthes Bändchen, als Nummer 49 der Hallenser Autorenhefte erschienen, ist in drei Teilen angeordnet. Zwischen zwei Gedichtgruppen platzierte Agthe Teile des Dramoletts "Gespräch über Balzacs Pferd" . Er greift dabei auf eine Künstlernovelle Gert Hofmanns (1931-1993) zurück, von dem Agthe weitere Prosatexte - so einen über Jakob Lenz - dramatisierte.

Wir erleben im 3. Akt Balzac am Ende seines Daseins. Er muss während einer Premiere erleben, dass die Aufführung seines letzten Stücks zum Fiasko gerät, während sich sein Gast, der Kloaken-Inspektor Brissot, als eigentlicher "Dramatiker" entpuppt: Dieser glaubt, dass das Publikum weit eher eine unterirdische "Live-Show" in einer Kloake bevorzuge. Dem bitterbösen Minidrama wäre eine Umsetzung im Hörfunk oder auf einer Bühne zu wünschen.

Auch in den lyrischen Texten ist vor allem von Literaten die Rede: von "Wieland in Oßmannstedt", von "Hölderlin in Tübingen", von dem vergessenen Expressionisten Reinhard Goering, von Koeppen und Johnson, von Fühmann und Einaar Schleef. Wer genau liest und den Autor vielleicht gar kennt, ahnt oder hört, dass hier ein junger Intellektueller auch sehr oft von sich spricht.

In seinem Gedicht über einen Besuch bei Hölderlin (18. Juli 2008) stehen die Zeilen: "Ein Blick in die / überbordende Weinhandlung reicht für / einen Augenrausch." Nein, "ein gemästeter Rezensent" - von dem in dem Balzac-Drama zu lesen war - hat diese Zeilen nicht aufs Papier gebracht. Mitunter belehrt der Dichter, der auch studierter Germanist und Kulturhistoriker ist, seine Leser einen Tick zuviel. Und zwar in den nachgereichten Anmerkungen zu den Texten über Künstler.

Manchem seiner Gedichte aber lässt der Lyriker ein Geheimnis. Man lese etwa das elegische Liebesgedicht "Zempin, Usedom" oder die "Ungeschriebene Geschichte der Familie A.", mit der Kai Agthe programmatisch den Band eröffnet. Welch pietätvolles Denkmal setzt ein Nachgeborener hier seinen "namenlosen Ahnen"!

i Kai Agthe: Franziskas Friedensreich. Gedichte und ein Dramolett-Auszug, Hallesche Autorenhefte 49, 48 S., 5 Euro; zu beziehen über den Förderkreis der Schriftsteller in Sachsen-Anhalt: www.foerderkreis-halle.de