Presse - Details

 
25.05.2006

Dichter und Kanzlerin

von Matthias Biskupek Thüringer Allgemeine

Der Internationale PEN in Berlin

Wenn die PEN-Clubs aus aller Welt nach achtzig Jahren erstmals wieder in Berlin tagen, ist das natürlich ein Fest, das, mit Rücksicht auf multikulturelle Sprache, Event heißt. Andere Zentren nutzen solches, um der Welt eigene Literatur zu präsentieren ? die deutsche Literatur ist groß und mächtig ? sie kann es sich leisten, internationale Gäste zum Lesen zu laden. Diese Entscheidung war in Zeiten, da Fremdenhass gruselige Konjunktur hat, klug und für deutsche PEN-Mitglieder lehrreich: Wie charmant kommen sie daher, die Schriftstellerin A.L. Kennedy aus Schottland oder der Autor Drago Jancar aus Slowenien ? das literarische Begleitprogramm bot den einigen hundert PEN-Mitgliedern aus der Welt, aus Deutschland und Berliner Gästen Lust auf Sprache und Lust auf Geschichten.
Doch haben Tagungen wichtige Festpunkte: Wowereit, Köhler und Merkel hießen jene drei Politiker, die dramaturgisch geschickt zur Bedeutungserhöhung des Kongresses genutzt wurden. Der Berliner Bürgermeister gab den Auftaktempfang und erzählte den Teilnehmern, dass ihr Motto ?Schreiben in friedloser Welt? lautete; dies verkündete anderntags auch Bundespräsident Horst Köhler und Angela Merkel ließ es sich zum gestrigen Höhepunkt ebenfalls nicht nehmen, dem Kongress das eigene Motto zu nennen.
Doch seien wir friedlich zu den Politikern in friedloser Welt: Sie haben wohl wirklich die Überzeugung eigener Wichtigkeit ? und stehen Autoren darin nicht nach. Nur sind letztere meist geistreiche Machtlose und erstere oft Machtbewußte in den Grenzen pragmatischen Geistes. Immerhin traute sich Köhler den Dichtern zu sagen, dass es nicht wenige gab, die Lob zu jeglicher Regierung flöteten. Der Haupt- und Eröffnungsredner Günter Grass hingegen sprach ganz undiplomatisch vom großen Kriegemacher USA und den Gewalt-Vasallen Blair und Bush, letzterer brachte bekanntlich auch die Kreatur bin Laden hervor. Grass sagte vielen nichts Neues, doch redete er so klar und sprachmächtig, von barocken Dichtern untersetzt, daß seine Kollegen nicht anders konnten, als jubelnd mit standing ovations (Kongresse werden mehr und mehr in englisch abgewickelt) beizupflichten. Manch Medialer nörgelte anderntags: Dabei haben die USA doch die Deutschen von Hitler befreit und warum sagt Grass nix zu den Schurken in Schurkenstaaten ...
Im Bundeskanzleramt hingegen war Friede angesagt. Dichter sind mit Buffetts und Wein milde zu stimmen. Angela Merkel hatte sich nach China und Gewerkschaftlern, vor Kirchentag und Hauptbahnhofseröffnung ein ganzes Stündchen Zeit genommen und empfing die Literatenmeute, die sich auf großer Kanzlertreppe aufgebaut hatte. Frau Merkels Blazer war grün, ihre Worte blieben wegen des Halls unverständlich, zumal mitten in der Rede ein Donnern ertönte. Vielleicht rüttelte jemand am Kanzleramt ? nein, es waren nur die Speisen, die auf großen Wagen angefahren wurden. Geist und Macht sind sich immer dann nicht spinnefeind, wenn beide gemeinsam speisen können und von Geld nicht die Rede sein muss. Angela Merkel aber musste zurück an ihren relativ kleinen Kanzlerschreibtisch und die Dichter, die sich nun alle kannten, summten an den vielen Stehtischen gewaltig: Wenn die Welt besser wäre, wäre sie nicht unfriedlich, doch worüber schriebe man dann ...