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12.03.2009

Dichter dran

von Benedikt Vallendar Rheinischer Merkur

Dichter dran
SOZIALARBEIT Ein Verein in Jena macht aus Hartz-IV-Empfängern Schriftsteller.
Ihr Werk wird nun auf der Leipziger Buchmesse präsentiert
Von Benedikt Vallendar
?Wir wollen die Leute aus ihrer Lethargie
holen?, sagt Martin Straub, pensionierter
Projektmanager und ehrenamtlicher
Geschäftsführer des Jenaer Vereins
?Lese-Zeichen e.V.? über die ehrgeizige
und ungewöhnliche Idee. Alle
14 Tage treffen sich seit 2006 in der thüringischen
Universitätsstadt Jena Hartz-
IV-Empfänger zu zwei- bis dreistündigen
Sitzungen, um ihre literarischen
Werke vorzustellen und das eigene
schriftstellerische Handwerkszeug zu
verfeinern. Sie nennen sich ?Jenaer
Sprachverwender?. Eine professionelle
Lektorin, Kathrin Groß-Striffler, redigiert
die Texte und gibt Tipps für den
Umgang mit der deutschen Sprache.
In diesem Jahr stellen die Autoren, Frauen
und Männer im Alter zwischen 25 und 65,
die Ergebnisse ihres literarischen Schaffens
auf der Leipziger Buchmesse vor.
Der Titel ihres Werkes lautet: ?Jena ?
ein heller Punkt in meinem Lebenslauf?.
Es ist bereits ihre zweite Publikation,
aber die erste, die es auf die Buchmesse
geschafft hat.
Unterstützt werden die Literaten
vom Jenaer Glaux-Verlag und dem
Sponsor Jena Wohnen. Die Arbeitsagentur
Leipzig überließ ihnen einige
Räume zum Schreiben, so sind die
Dichter ganz dicht dran. ?Wir haben
diesen Ort gewählt, weil der Besucher
hier hautnah erleben kann, was es
heißt, Bittsteller zu sein?, sagt Agentur-
Pressesprecher Hermann Leistner. Entstanden
sind Texte über Arbeitslosigkeit
und das Leben mit Hartz IV. Zudem
finden sich in dem Erzählband
Gedanken zur Schönheit der Natur, zur
Heimat, über Liebe, Freundschaft und
Kindheitserinnerungen.
An den Dichterrunden nehmen
Menschen teil, die existenzielle Konflikte
mit der Leistungsgesellschaft haben.
?Schreiben ist auch Lebenshilfe?, sagt
Martin Straub. Der 66-Jährige ist von
Haus aus Diplomgermanist. Nach der
Wende arbeitete er im Auftrag des thüringischen
Kultusministeriums daran,
die Lesekultur über die Landesgrenzen
hinaus wiederzubeleben. ?Wir wollen
den Autoren mit der Buchpräsentation
das Gefühl vermitteln: ,Ihr gehört dazu
und seid nicht allein??, sagt er. Bekanntlich
vermittle jede kreative Tätigkeit
ein Glücksgefühl und reiße den Menschen
aus seinem oft drögen Alltagserleben,
hofft Straub.
Die schreibenden Arbeitslosen erinnern
an die ?Zirkel schreibender Arbeiter?,
die es in DDR-Zeiten in fast jedem
volkseigenen Betrieb gab. Damit
sollte den Werktätigen ein aktiver Zugang
zu Kunst und Kultur ermöglicht
werden. Die ?vorhandene Trennung
von Kunst und Leben? und die ?Entfremdung
zwischen Künstler und
Volk? sollte überwunden, die Arbeiterklasse
am Aufbau des Sozialismus umfassend
beteiligt werden. Künstler und
Schriftsteller arbeiteten in den Fabriken,
Arbeiter begannen zu dichten. Die
im Wesentlichen von SED-Generalsekretär
Walter Ulbricht ausgegebenen
Direktiven standen unter dem Motto:
?Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische
deutsche Nationalkultur braucht
dich!? Schon auf dem fünften Parteitag
der SED 1958 stellte Ulbricht die Forderung
auf: ?? in Staat und Wirtschaft
ist die Arbeiterklasse der DDR bereits
Herr. Jetzt muss sie auch die Höhen
der Kultur stürmen und von ihnen Besitz
ergreifen.? Allerdings lieferten die
Schriftsteller nicht immer das, was die
Parteiführung bestellt hatte.
Einen Zusammenhang mit der DDR-Tradition
bestreitet Martin Straub. ?Bei dem
Projekt machen Menschen mit, die keine
Arbeit haben und sich am Rand der
Gesellschaft bewegen?, sagt er. Dem
Verein gehe es nicht um ideologischen,
sondern um praktischen Nutzen: ?Die
Wirtschaft klagt bei Bewerbern immer
wieder über angeblich mangelnde Beherrschung
kultureller Basistechniken,
zu denen auch Lesen und Schreiben gehört?,
sagt Straub. Das Projekt aus Jena
beweise das Gegenteil. ?Wir wollen ein
Zeichen setzen gegen das althergebrachte
Vorurteil vom angeblich abgestumpften
und in Selbstmitleid zerfließenden
Hartz-IV-Empfänger.? In arbeitslosen
Menschen stecke viel mehr
Potenzial. Mehr als die anderen vermuteten.
Und mehr als sie sich selbst
zutrauen.
Buchtipp: Jenaer Sprachverwender (Hrsg.):
Jena ? ein heller Punkt in meinem Lebenslauf.
Neue Texte der schreibenden
Arbeitslosen. Glaux Verlag, Jena 2009.
158 Seiten, 10 Euro.
Internet: www.leipzig-liest.de
www.lesezeichen-ev.de
Zum Steinerweichen: Georg Baselitz? ?Der Hirte? von 1965.
FOTOS: CH. S