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13.11.2009

Deutschlandreise mit Gespür für Zwischentöne

von Schaarschmidt Ostthüringer Zeitung

Christoph Dieckmann liest in Bibliothek

Greiz (OTZ/Schaarschmidt). Christoph Dieckmann ist ein Sammler. Ein Sammler von Lebenssplittern, von biografischen Augenblicken, von Momentaufnahmen. Er findet sie auf der Straße, in Gesprächen. Und er bewahrt sie vor dem Vergessen. Das ist das eine. In seinen Reportagen, das ist das andere, gibt er der nüchternen Historie aus Zahlen und Fakten die Gesichter zurück. Am Dienstag stellte der mehrfach mit internationalen Preisen geehrte Autor und Zeit-Journalist sein im März erschienenes Buch "Mich wundert, dass ich fröhlich bin. - Eine Deutschlandreise" in der Greizer Bibliothek vor.
Dieckmann, so kündigt Dr. Martin Straub vom Verein Lesezeichen den Publizisten an, sei jemand, der "in dem Menschen den Menschen sucht". Und über sich sagt Dieckmann, dass er sich nicht als Reisejournalist versteht, der "drei Fragen über den Gartenzaun wirft und sich mit zwei Antworten zufrieden gibt". Mit den Menschen, die ihm auf seinen Fahrten durchs deutsche Land begegneten, verhalte es sich so wie mit Eisbergen, von denen rage auch nur ein Achtel aus dem Wasser, den Rest gelte es zu erkunden.

Dieckmann erkundet mit großer Neugier, sensibler Beobachtung und Gespür für Zwischentöne. Was ihn interessiert, sind nicht die von Medienspots kurzzeitig grell überstrahlten, vergänglichen Großereignisse. Der Autor sucht im alltäglichen Dämmerlicht, dort wo sich das wahre Leben abspielt mit seinen kleinen Glücksaugenblicken und mit seiner Bitterkeit. In Greiz liest er aus den Vorgeschichten, eine Art überdimensioniertes Vorwort von mehr als 70 Seiten. Es ist eine Art Wegweiser für die Geschichten, die folgen. Es beginnt mit einer Reise in das erzgebirgische Silberstadt, es reihen sich kurze Situationen an, die von Begegnungen mit Skatspielern in Sangerhausen, von einem Berliner Jungen, dessen Vater sich das Leben genommen hat, von einem Treffen mit Wolf Biermann 2003 in Hamburg erzählen. Es ist ein persönliches, auch autobiografisch geprägtes Deutschlandbild, das Dieckmann entwirft. Und es ist eine Standortbestimmung im Jahr 20 nach dem Fall der Mauer, die Geschichte in den Geschichten aus Ost und West, Nord und Süd verortet.

1956 als Pfarrerssohn im brandenburgischen Rathenow geboren, lernte Dieckmann zunächst den Beruf des Filmvorführers, studierte später Theologie, arbeitete als Medienreferent und ist seit 1990 Autor der Wochenzeitung "Die Zeit". Die langen Haare zum Zopf gebunden, zeigen sie den Blues- und Rockfan, ihr Grau erzählt von der vergangenen Zeit. Dieckmann liest mit viel Witz, wechselt in verschiedene Dialekte, charakterisiert seine Protagonisten mit dem Klang seiner Stimme - und versteht es, mit spitzbübischem Schmunzeln sein Publikum für sich zu gewinnen. Vor allem jedoch ist es die schlichte, aber kraftvolle, oft von lyrischen Metaphern getragene Sprache seiner Geschichten. Unprätentiös und atmosphärisch dicht schildert er, nie herablassend, seine Beobachtungen und lässt Hörer und Leser scheinbar unmittelbar am Erlebten teilhaben.

Den Titel seines Buches hat Dieckmann übrigens einem Spruch des 1498 gestorbenen Magisters Martinus von Bieberach entlehnt, einen Spruch, den er, wie er sagt, zugleich fürchtet und liebt: "Ich leb und waiß nit, wie lang. / Ich stirb und waiß nit, wann. / Ich far und waiß nit, wohin. / Mich wundert, dass ich fröhlich bin."

Christoph Dieckmann, "Mich wundert, dass ich fröhlich bin. - Eine Deutschlandreise", 256 Seiten, Ch. Links Verlag Berlin, ISBN: 3861535246, 19,90 Euro