Presse - Details

 
05.09.2009

Deutsch-deutsche Jahre: Krawszyk erinnert sich

von Kai Agthe TLZ

Nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 versucht Stephan Krawczyk am Grenzübergang bei Hof in die DDR einzureisen, um mit seinem Auto auf dem Transitweg nach West-Berlin zu gelangen. Dort lebt der Liedermacher seit seiner Ausbürgerung aus der DDR im Februar 1988. Derweil in Berlin die Menschen seit Tagen auf der Mauer tanzen, sagt ihm der DDR-Grenzer: "Herr Krawczyk, ihre Durchreise durch das Gebiet der DDR ist nicht erwünscht."
Stephan Krawczyk ist nicht nur ein Mann des gesungenen, sondern auch des geschriebenen Wortes. So erschien etwa 1992 die Erzählung "Mein Vater", für den er den Bettina-von-Arnim-Literaturpreis erhielt, und 1998 der Roman "Bald". Nun legt der 1955 in Weida in Thüringen geborene Künstler seine Erinnerungen vor, die knapp zwei Jahre umfassen: von seinem - und seiner damaligen Frau Frey Kliers - Rauswurf aus der DDR bis zum Fall der Mauer.

Der aus dem, wie es ihm scheint, tiefgrauen Osten kommende Künstler rekonstruiert hier den Versuch, sich im quietschbunten Westen einzurichten und als Sänger zu etablieren. Das Erste, was er lernen muss, ist, dass ohne PR (Public Relations) nichts funktioniert. PR gab es für ihn in der DDR nicht. Wo er mit seinen kritischen Liedern auftrat, waren die (kirchlichen) Räume auch ohne Ankündigung proppenvoll. Andernorts durfte er gar nicht mehr auftreten. Natürlich bedeutete die neue Freiheit, in die ihn der Honecker-Staat nach zwei Wochen Gefängnis entließ, auch die Möglichkeit zum Reisen und zum politischen Engagement. Beides nutzte Krawczyk weidlich, und darüber berichtet er nun ausführlich.

Der Riss ging durch die Familie

Noch spannender ist (auch wenn es hier nur angedeutet wird), dass der gesellschaftliche Riss durch die Familie Krawczyk ging: Während Stephan 1985 Berufsverbot erhielt und wider Willen zum Dissidenten avancierte, war sein Bruder Hubert bis 1989 Parteisekretär. Die Erinnerungen berühren vor allem durch ihre Ehrlichkeit. Denn Krawczyk gibt zu, dass er kein Staatsfeind werden wollte, sondern durch die Stasi dazu gemacht wurde. Und er gesteht, dass er, wenn man ihm ein entsprechendes Signal gegeben hätte, in die DDR zurückgekehrt wäre.

Keine vier Wochen, nachdem der Liedermacher an der DDR-Grenze im November 1989 als unerwünschter Transit-Reisender zurückgewiesen wurde, fährt Krawczyk am 2. Dezember für einen Auftritt von West- nach Ost-Berlin. An der Grenze heißt ihn ein DDR-Offizier aus dem Wagen zu steigen, um ihm dann mitzuteilen: "Herr Krawczyk, schön, dass Sie wieder da sind."

i Stephan Krawczyk: Der Himmel fiel aus allen Wolken. Eine deutsch-deutsche Zeitreise. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig. 239 S., geb., 17,80 Euro