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12.05.2009

Des Dichters unstetes Wesen und Leben

von Wolfgang Hirsch TLZ

Weimar. (tlz) "Die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus." Mit diesem Zitat aus der aktuellen "Räuber"-Inszenierung in Gera beginnt Jens-Fietje Dwars seinen Schiller-Film. Im Auftrag der Klassik-Stiftung Weimar spürte der Jenaer promovierte Germanist und Filmemacher den Lebensstationen des Dichters in Thüringen nach: "Auf der Suche nach Freiheit" ist der halbstündige, biographische Film-Essay betitelt. Pünktlich zu Schillers 204. Todestag wurde er vorgestellt.
Auf eine knappe halbe Stunde gerafft, aber sehr vollständig lässt Dwars das unstete Wesen und Dasein des Klassikers Revue passieren. Er beginnt im schneeverträumten Bauerbach, wohin Schiller 1782 dem Einflussbereich seines despotischen württembergischen Landesvaters entfloh - und dem Drill und Zwang der Karlsschule, wo er zum Mediziner hätte ausgebildet werden sollen. "Ein Militärarzt, der ein rebellisches Stück verfasst hat": So lernt der unvoreingenommene Zuschauer den jungen Feuerkopf und "Räuber"-Autor kennen.

Moderne Subjektivität

Behutsam setzt Dwars seine Akzente, schildert Schillers permanente Geldsorgen - "Ich muss von der Schriftstellerei leben" - und dessen Freundschaftsideal und besonderes Verhältnis zu Goethe, das sich aus anfänglicher Rivalität entwickelte; gleichwohl reißt er die diametralen Unterschiede in den Weltanschauungen beider an. Goethes ganzheitlichem Sinnen und Trachten habe Schillers "zügellose Subjektivität der Moderne" gegenüber gestanden. Was seinen Film aber auszeichnet, ist seine philologische Korrektheit, das Geschick, von allem Wesentlichen eine naturgemäß nur sporadische Anschaulichkeit - vermittels Zitaten - zu stiften, und die Abwesenheit von Verklärung und Pathos.

Andererseits unterliegt Dwars" Film den strengen altbackenen Regeln des Dokumentarischen. Auftragsgemäß muss sich der Autor bemühen, alles, was nicht authentisch wäre, strikt auszublenden, nichts Neuzeitliches hat in seinem Bilderstrom etwas zu suchen: keine modernen Gebäude, keine Autos, keine zeitgenössischen Passanten. So erhält dieser Streifen einen etwas spröden, leblosen Gestus, befleißigt sich einer, wenn auch allgemein verständlichen, so doch "gelehrten" Darstellungsweise, die sich zur Illustration im wesentlichen auf Landschaftsimpressionen, auf Dokumente und historische Zeichnungen stützt. Die Text-Bild-Schere klafft mitunter weit auseinander. Einmal, als es um Schillers Antrittsvorlesung an der Jenaer Universität geht, zeigt er sogar nur das - historische? - Straßenpflaster.

Kaum etwas wird von dem "Alarm" spürbar, den der Honorarprofessor mit seiner Ankündigung "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte" in der Saalestadt verursachte, als man ob des Andrangs in den größten Hörsaal, das Griesbachsche Auditorium, umziehen musste. Um einen Funken wirklichen Lebens aus den Überlieferungen zu schlagen, bedarf der Betrachter eigener Phantasie; der Film entsagt sich selbige strikt.

Immerhin gewinnt man sinnlich-müßige Eindrücke vom Ambiente der Schiller-Schauplätze in Bauerbach, Rudolstadt und Volkstedt, in Jena und in Weimar. Dass alle Räume im Jenaer Gartenhaus oder im Weimarer Domizil an der Esplanade so unbelebt wirken, kann man durchaus auch als - erzwungenes - Stilmittel verstehen. Es liegt ja an uns Nachgeborenen, die Schillerschen Ideale heute zu revitalisieren: die Einigung Deutschlands, wie in einem Ausschnitt aus "Wallenstein" (Deutsches Theater 1986) gefordert, oder die Magie des Rütli-Schwures aus "Wilhelm Tell", an den ein Filmschnipsel von Stephan Märkis DNT-Inszenierung open-air am Vierwaldstätter See 2004 erinnert.

Zitaten-Scharmützel

Mit Ausnahme des "Fiesko" werden in Dwars" Film sämtliche Dramen erwähnt, das Balladenjahr 1797, ein "Wettstreit in Versen" zwischen Goethe und Schiller, findet als Zitatenscharmützel Niederschlag, und Friedrich Schillers historiografische Arbeiten - so die "Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande" - wie seine ästhetisch-philosophischen Abhandlungen werden zumindest erwähnt. Privates wie die Hochzeit mit Charlotte und Politisches, etwa die Ehrenbürgerwürde der Republik Frankreich 1792, erhalten angemessen Gewicht.

So ist dieser Steifen als Überblick über Schillers Leben und Werk allemal tauglich. Nur das Fiebrige, Feuerköpfige, Unhaltbare in dessen Wesen - eben sein Freiheitsdrang - werden durch die Erzählweise gebremst.

i Jens-Fietje Dwars, André Piontek: "Auf der Suche nach Freiheit - Schiller in Thüringen". Der Film wird im Schillermuseum Weimar gezeigt. Eine DVD soll ab Ende Juni für ca. 10 Euro bei der Klassik-Stiftung erhältlich sein