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27.06.2005

Der Rütli-Schwur zu Ranis

von Frank Quilitzsch TLZ

Ranis. (tlz) Die Planung machte der Lese-Zeichen-Verein, doch die Dramaturgie hat der Wettergott geschrieben: Zeus sei Dank wurden die gestern erfolgreich zu Ende gegangenen 8. Thüringer Literatur- und Autorentage auf der Burg Ranis von permanenten Stimmungs- und Ortswechseln begleitet. Dramatischer Höhepunkt war der Sonnabend: Sonnenschirm auf, Sonnenschirm zu! Regenschirm auf, Regenschirm zu! Rein in den Saal, raus auf die Wiese! Bücher in den Karton, Bücher auf den Tisch!

Beim "Tell" im Puppenkisten-Format sengte die Sonne auf Henning Hackes kahles Haupt, trotzdem gelang der Apfelschuss der trefflichen Inszenierung, die mit Sprichworten schillerte - zur Freude der auf der Burgwiese schwitzenden Familien.

Lieder im Dauerregen

Während Regen kühlte, zündete das Kieck-Theater im Salon die Lichter an und steckte den Zuschauern mit originell vorgetragenen Schiller-Balladen weitere auf. Die Axt im Haus ersetzt bekanntlich den Zimmermann; also dachte Lese-Zeichen-Manager Martin Straub und sprang für den erkrankten Autor Dieter Kühn ein. Auch sonst zog der allzeit präsente Hausgeist die organisatorischen Fäden, nur zu den Regenschleusen hatte er keine Verbindung.

Wer mit Bettina Wegner und Karsten Troyke den himmlischen Zugaben trotzte, wird das Konzert - eines der Höhepunkte des viertägigen Festivals - wohl nicht so bald vergessen. Tango, Folk, Blues und Klezmer im Dauerregen! Da blieb kein Fuß und kein Auge trocken. Troyke sang seine traurig-schönen jiddischen Weisen, Wegner ihre von Sehnsucht getragenen Balladen, wobei mit "Sind so kleine Hände" und dem "Universal Soldier" auch das Protestlied nicht zu kurz kam. Wunderbar der Zusammenklang beider Stimmen, virtuos von Jens-Peter Kruse auf der Gitarre begleitet.

Zuvor hatten die Schriftsteller Christoph Hein und Felix Huby sowie der China-Experte Wolfgang Hirn die Diskussion angeheizt. Es gab Dixieland und einen musikalischen Frühschoppen mit jungen Autoren. "Der Sonntag war ein einziges Highlight", freute sich Martin Straub gestern Abend über den gelungenen Abschluss. Alle Veranstaltungen, von den Geschichtenliedern Monika Ehrhardt-Lakomys über Wolfgang Leonhards Russland-Vortrag bis zum Kabarett mit Rainer Schulze und Wolfgang Schaller, waren gut besucht. "Bunt, fröhlich, beschwingt" sei die Stimmung gewesen, woran der Kinderzirkus Tasifan aus Weimar und Schüler der Musikschule Pößneck mit ihren Pausendarbietungen großen Anteil hatten.

Auf der Burg las auch Christopher T. Kloeble, der vorläufig letzte Stadtschreiber von Ranis, aus seinem hier entstandenen Geschichtenband. Knappe Kassen überall. "Wir werden nach Wegen suchen, unsere Projekte zu halten", verkündete Straub. Vielleicht geht ja vom Raniser Rütli bald ein neues Thüringer Literaturzeitalter aus: Wir wollen sein ein Volk von Lesebrüdern und -schwestern, raunte es auf der Wiese. Blitze. Donner. Literarische Ergüsse.