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23.06.2014

Der Querkopf, der die Worte liebt: Weimar ehrt Wulf Kirsten

von Thorsten Büker TLZ

Wulf Kirsten gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker und Essayisten der Gegenwart. Foto: Maik Schuck

Einem Wortfinder, einem Mann mit der expliziten Begabung, nach Wahrhaftigkeit zu graben, zum 80. Geburtstag: Stadt und Land würdigten im Stadtschloss mit Wulf Kirsten einen der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker und Essayisten der Gegenwart.

Weimar. Dass die Feierstunde für den Lyriker und langjährigen Lektor des Aufbau-Verlages auch zu einer sprachlich virtuosen Sternstunde wurde, war zwei Männern zu verdanken: Klassik-Präsident Helmut Seemann, der als Hausherr an diesem Vormittag den Hausmeister gab und dessen Stegreifrede für den "Neinsager" der deutschen Literatur eine humorvolle, mit viel Applaus bedachte Verbeugung war. Und dann Christoph Schmitz-Scholemann, der nur noch wenige Tage als Richter am Bundesarbeitsgericht in Erfurt wirkt, dessen Leidenschaft für die Literatur aber in einer Festrede kulminierte, die Wulf Kirsten als Geschenk betrachten durfte. In zehn Kapiteln näherte sich Schmitz-Scholemann dem Leben und Wirken Kirstens: von der Heimat Klipphausen, der dort erfolgten Erdung und einer Lyrik, die ein "Widerstandsnest gegen die internationale Diktatur der Plastikwörter" sei, über erste Schritte in der deutschen Bücherei in Leipzig, die für Kirsten einem "Mauseloch" gleich einen Blick ins Weltläufige bot, bis hin zur Ankunft in Weimar, der Arbeit als Lektor, dem Engagement Kirstens während der friedlichen Revolution und der Arbeit als Schriftsteller und Herausgeber.

Schmitz-Scholemann sezierte auf vergnügliche Art und Weise, dass Wulf Kirsten in vielen Belangen ein Querkopf sei und immer die Liebe für andere Querköpfe behalten habe. "Betrachten Sie sich als geohrfeigt, Sie Flegel!" warf er einem jungen Mann vor ein paar Jahren entgegen, der ihn in der Hegelstraße umfuhr. Minuten später war der Grantler versöhnt, mit einer Tüte Kräutertee in der Hand und einem "Entschuldigung" auf den Lippen tat der Student Buße und beide vertieften sich in ein friedliches Gespräch.

Christoph Schmitz-Scholemann näherte sich umfassend Leben und Werk Wulf Kirstens, der bis heute auch ein kritischer Begleiter der Stadtgeschichte blieb: Beim Verkauf des Hauses der Frau von Stein ebenso wie beim Tag der deutschen Einheit 2010, als er mit unbändiger Wut die Versuche publik machte, Hellmut Seemann als Präsidenten der Klassikstiftung in die Wüste zu schicken.

Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) hob seine "treffsichere Sprache" sowie seine "scharf gewürzte Prosa" hervor und erinnerte an Kirstens Einsatz während der politischen Wende und für das Neue Forum in Weimar.

OB Stefan Wolf (SPD) nannte den Weimarer "einen der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker und Essayisten der Gegenwart" und erwähnte vor allem die Ambivalenz zwischen der Stadt und ihrem Hausberg, die Kirstens Wirken bis heute präge.

Übrigens wurde der wandernde Poet und Erzähler auf ganz besondere Weise beschenkt. Dichterfreunde widmeten ihm gemeinschaftlich ein Buch: "Fest in der Landschaft. Gedichte für Wulf Kirsten" (edition Azur, Dresden) enthält 55 Beiträge von Lyrikern, Übersetzern und Grafikern, die dem Weimarer eng verbunden sind. Verleger Helge Pfannenschmidt übergab Wulf Kirsten das Präsent, und Richard Pietraß, Bärbel Klässner, Adel Karesholi und Kathrin Schmidt lasen ihre Gedichte vor. In seiner Dankesrede bezeichnete Wulf Kirsten Weimar als einen "sicheren Ort". Im Beisein seiner Ehefrau Sofia, den Söhnen und deren Familien erinnerte er an die nicht auszuschöpfenden geistigen Ressourcen der Stadt und erwähnte, in Anlehnung an Olaf Webers "Die Stadt als Text" eine zweite Ebene, "die in den zurückliegenden 25 Jahren "weitgehend wieder sichtbar gemachte Schrift, die die Fassaden, ja ganze Straßenzüge bieten" und von Architekten reichhaltig hinterlassen worden seien.

Politisch mahnte Kirsten, gerade das Heimatgefühl einfacher Leute, "die auch bei Wahlen die meisten Prozentpunkte einfahren, mit einer Weltangehörigkeit zu verbinden. "Gerade in dieser Beziehung sehe ich Ressourcen, aus denen zu schöpfen wäre und auf die in einer Demokratie weit intensiver gesetzt werden müsste, um das Terrain nicht randläufigen Geschichtsignoranten zu überlassen."