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27.02.2011

Der Mensch als Wanderer im Nebelmeer - Hanns Cibulka

von Bodo Baake TLZ

Luftaufnahme von der Ostseeinsel Hiddensee: Hier erfand Hanns Cibulka sein real-fiktives Fischerdorf "Swantow". Foto: ddp

Hanns Cibulkas Hiddensee-Tagebuch "Swantow" löste Anfang der 80er Jahre als erstes "Umweltbuch" der DDR viele Diskussionen aus.

Eine Anthologie zur Erinnerung an den Dichter Hanns Cibulka? Beim Nachdenken über die Frage, ob ich etwas zu diesem Unternehmen beitragen wolle, möglichst darüber, ob und was uns sein Werk heute noch anginge, kam ich als gelernter DDR-Bürger natürlich sehr schnell auf "Swantow". Das war Anfang der 80er Jahre das erste "Umweltbuch" der Republik, der erste gedruckt und öffentlich außerhalb des Schutzraumes der Umweltbibliotheken der Kirche vorliegende Versuch einer Auseinandersetzung mit dem Gefahrenpotential der Atomenergie. Ein schmales Prosabändchen als frühes Echolot in der engen Kluft zwischen Unbehagen und wissenschaftlich-technischem Fortschritt.

Cibulka tat alles, den Geräuschpegel der Publikation herunterzudämmen. Er erfand das "real-fiktive alte Fischerdorf" Swantow auf Rügen, von wo aus die Lichter des ersten Kernkraftwerkes der DDR in Lubmin zu sehen waren und hielt die Luft an: "Eine tiefe Stille liegt über der Landschaft, selbst der Atem geht zu laut. Nur im Süden, jenseits des Boddens, flackern die Lichter von Lubmin."

Wieder benutzt Cibulka seine geliebte Form des Tagebuches, und wieder verkleidete er sich distanzierend - wie schon im "Buch Ruth" - in eine fremde Gestalt. Diesmal in den Schriftsteller Andreas Flemming, den er seine eigenen Ängste beim Anblick der verkrüppelten Rückenflossen und Karzinome am Bauch der Fische im Greifswalder Bodden und der Halbwertzeiten der in Kettenreaktionen anfallenden Spaltprodukte von Jod-131 (acht Jahre) bis Jod-129 (1,7 Millionen Jahre) notieren lässt.

Im Sperrgebiet der öffentlichen Auseinandersetzung

Auf Zehenspitzen durch verstrahltes Gelände - so könnte man diese Exkursion in ein Sperrgebiet der öffentlichen Auseinandersetzung nennen. Doch die Verrätselung hat nicht viel geholfen: Das Buch sorgte für einen recht schönen Eklat! Schon der Vorabdruck in der "NDL", der "Neuen Deutschen Literatur", rief die Re-Zensoren auf den Plan. Fortschrittsfeindlichkeit, die "den Sinn wissenschaftlicher Arbeit für die Zukunft der Menschheit" untergräbt, meckerte der oberste Buchbeamte Klaus Höpcke säuerlich. Und ein Erfurter Majordomus der SED höhnte: Dieser graue Mann, dieser Bibliothekar aus Gotha, solle gefälligst bei seinen Leisten bleiben und Bücher verleihen, aber nicht verfassen! Die Ironie der Geschichte jedoch ließ sich nicht lange bitten - die 15 000 Exemplare der Erstauflage aus dem noch in manch anderer Hinsicht verdienstvollen Mitteldeutschen Verlag waren im Leseland DDR binnen dreier Tagen vergriffen.

So war das damals. Doch was ist mit der Frage, die Herausgeber erfunden haben, um Autoren zu quälen, was also hat uns Cibulka heute noch zu sagen? Günter Gerstmann, Herausgeber dieser und anderer Sammelbände, stellt diese Frage immer wieder - und kann sich dabei wunderbar aufregen. Der in Jena lebende Literaturwissenschaftler, Publizist und Lyriker nimmt sich kenntnisreich und auf eine Weise, die man als ebenso nachdrücklich wie liebevoll bezeichnen muss, besonders jener Autoren an, die in Thüringen wirkten und aus Sicht gängiger Bestsellerlisten eher als "entlegen" rangieren - sieht man u. a. von Gerhard Hauptmann ab, der Gerstmanns Wertschätzung auch als schlesischer Landsmann besitzt.

Um den lange in Gotha ansässigen Hanns Cibulka hat er elf Autoren versammelt, die dessen Werk aus unterschiedlichen Sichten sichten. Der aus dem Greiz der Kunze-Zeit gekommene Uwe Grüning ist darunter, der Literaturwissenschaftler Jörg Bernig, der u. a. mit "Literaturlandschaft im Wandel" Gespräche zur literarischen Kultur in Sachsen und Ostdeutschland 1990 bis 2005 vorlegte, sowie der in Greifswald lebende Karl-Ewald-Dietz, der die realen Spuren des fiktiven Fischerdorfes Swantow gesucht hat, sowie aus Jena Wolfgang Heinrich und Lothar Lepper, der Biologe und der Geologe, deren heimatkundlicher Exkurs diesmal naturwissenschaftlichen Besonderheiten, wie Orchideen und Muschelkalk, in Cibulkas poetischen Reflexionen nachspürt. Gerstmann selbst beschäftigt sich unter anderem mit musikalischen Einflüssen und Impulsen für den deutsch-polnischen Dialog in Cibulkas Werk.

Und tatsächlich lässt sich Cibulka nicht auf "Swantow" verkürzen. Aber dieses Buch nimmt eine Sonderstellung in seinem Oeuvre ein. Zwar arbeitet er weiter an der Literarisierung des von ihm geschätzten Tagebuch-Formates, lauscht wie überall dem poetischen Echo der Landschaft nach und justiert den schweifenden Gedanken im Versmaß des Gedichts. Doch etwas ist hier auch anders. Seine Sorge um die Schöpfung, das Unbehagen an dem lässigen Verhältnis des modernen Menschen zur Natur, sein Gefühl einer dunklen Bedrohung aus der Tiefe der Endlager des Fortschritts, seine Urangst - all das wird konkret, bekommt einen Namen: KKW Lubmin.

Das traf damals einen Zentralnerv der Gesellschaft und vibriert bis heute. Wer kennt schon die Halbwertzeit der Ängste? Sie hat sich in den Sitzblockaden der frühen Anti-Atomkraft-Bewegung gesammelt, hat dann Tschernobyl erlitten und den Ausstieg aus der Atomkraft erstritten. Im gebeutelten Wendland jetzt hat sie sich noch einmal ebenso kraftvoll wie vergeblich gegen die Verlängerung der Laufzeiten der Meiler, gegen rollende Castoren, lecke Salzstöcke, außer Kontrolle geratene Energiekonzerne und nassforsche Politiker zur Wehr gesetzt. Doch die Kernschmelze der Vernunft, sie geht weiter, und die Lichter von Lubmin flackern noch immer.

Gefunden freilich hat Hanns Cibulka dieses Thema so, wie er mehr oder weniger alle seine Themen gefunden hat: Indem er Landschaften von der Erde aufhebt wie seltene Steine, sie sich vor Augen führt und zu durchdringen und zu erkennen sucht - und sich manchmal auch darin einzugraben. So hat er in etwa 20 Büchern seine wechselnden Lebenslandschaften poetisch erkundet. In manche ist er geworfen worden, wie als Wehrmachtssoldat nach Italien, in andere kehrt er zurück, wie in die verlorene Heimat des Altvatergebirges, und dritte wieder erwählt er sich - den Thüringen Wald, die Dornburger Schlösser, die Ostsee mit Rügen und Hiddensee.

Die Ostsee-Landschaft fällt ihm nicht wie andere Gegenden um den Hals. In die muss er sich einarbeiten. Hiddensee sei seinem Wesen fremd gewesen, konstatiert er aus Italien kommend. Dort sei Geschichte, Architektur, Musik und Malerei, Historie auf Schritt und Tritt gewesen. Hiddensee dagegen, heißt es nüchtern, "war weder der Schauplatz großer Kulturen, noch sind die Radien der Weltgeschichte durch dieses Land gegangen. Es ist ein Stück Erde ohne historischen Hintergrund, es kennt nicht die Trauer der Ruinen, den geschichtlichen Verfall." Dann aber ahnt er: "Andere Kräfte sind auf dieser Insel lebendig."

Wie viele andere vor ihm, vor allem die großen "Landschafter" unter den Malern, hat auch Cibulka immer wieder das Licht über diesem Meeresraum fasziniert. Der Wechsel des Lichts wird ihm zum magischen Ereignis, zur lebendigen anderen Kraft. "Gedankenschnell huscht hier das Licht über den Strand, hauchblau, legt sich milchig getönt auf die Wiesen, gedämpft durch den zarten, silbernen Schleier, der Tag für Tag vom Meer her aufsteigt. Unter dieser Sonne treten die Konturen der Dinge zurück, die Bilder ziehen stiller an dir vorüber, hundertfältig abgeschattet. Es ist ein ruhiges Ineinanderübergehen. In dieser Landschaft ist alles um einige Stufen zarter, durchsichtiger, das Grenzenlose ist dem Menschen näher."

Mit den Fischen schwimmen, mit den Bäumen denken

Da klingt das Weltbild der Romantik an. Kurios aber ist, dass die deutsche Romantik nicht aus Italien kam, sondern umgekehrt ihre Geburt an der pommerschen Küste erlebte und erst danach sehnsüchtig und zu neuer Blüte weiterzog unter die italienische Sonne, zur Trauer der Ruinen. Eine große Ausstellung im Pommerschen Landesmuseum Greifswald feiert gerade die "Geburt der Romantik" mit Bildern von Caspar David Friedrich, Philipp Otto Runge und großartigen Arbeiten des kaum noch bekannten "gefühlvollen und bibelfesten" Grafen Friedrich August von Klinkowström. Und die Hamburger Kunsthalle feiert mit einer großen Werkschau den 200. Geburtstag Runges. "Das Licht der Welt, das die drei großen norddeutschen Romantiker erblickten, war das der pommerschen Küste" mit ihrem tiefen Horizont, hohen Wolken, hartem Wind, Fischerbooten und sperrigen Eichen.

Der Mensch am Meer und als Wanderer im Nebelmeer, ein in fragiler Geborgenheit ewig Gefährdeter - so hat ihn auch Hanns Cibulka gesehen. Sein 90. Geburtstag, den er letzten September begangen hätte, ist durchaus aktueller Anlass, daran zu erinnern: "Heute", wie es in "Swantow" sorgenvoll heißt, "da wir kaum noch Landschaft haben - Stadtlandschaft, ja - sehnt sich der Mensch nach Bergen, Tälern und Flüssen, aus denen nicht das Entsetzen spricht." Wenn wir Glück haben, ist es vielleicht das, was von dem alten Fischerdorf bleibt, dass es ein fiktiv-realer Heimathafen für die unstillbare Sehnsucht des Menschen nach Geborgenheit in seiner Lebenslandschaft ist. "Still mit den Fischen schwimmen können, mit den Bäumen denken, mit dem Meer atmen."

Zur Sache

Ein Sammelband mit Texten von Weggefährten widmet sich dem Gothaer Schriftsteller Hanns Cibulka (1920-2004), dessen 90. Geburtstag kürzlich begangen wurde. TLZ-Kolumnist Bodo Baake erinnert sich in seinem Buchbeitrag an die Wirkung, die Cibulkas Hiddensee-Tagebuch "Swantow" (1982) auf ihn hatte und wie dieses Werk die Sensibilität vieler Leser in der DDR geweckt hat, sich für den Umweltschutz und einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Kernenergie zu engagieren. In der Anthologie "Ich habe nichts als das Wort" äußern sich u. a. auch Gerhard Wolf, Uwe Grüning, Christoph Eisenhuth, Thomas Gerlach, Günter Gerstmann, Wolfgang Heinrich, Gudrun Osmann, Gerhard Schaumann, Annette Scheibner und Irene Zoch zum Werk Hanns Cibulkas.

"Ich habe nichts als das Wort" - Beiträge zum Werk Hanns Cibulkas, herausgegeben von Günter Gerstmann, Notschriften-Verlag, Radebeul, 128 S., 11.90 Euro; Hanns Cibulka veröffentlichte ca. 20 Bücher.