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09.11.2006

Der Mafia auf der Spur

von Christiane Kneisel Ostthüringer Zeitung

Gespräch mit Schriftsteller Jürgen Roth zu seinem Buch "Der Deutschland-Clan"

Seit 20 Jahren sammelt Jürgen Roth Fakten über Korruption und Machtmissbrauch in Deutschland. Er recherchiert mafiöses Beziehungsgeflecht von Politik, Wirtschaft und Justiz. Der freie Publizist, Jahrgang ´45, wohnt in Frankfurt/Main und ist einer der bekanntesten Vertreter des investigativen Journalismus. Zum Lesemarathon am Dienstag in Jena stellte er sein jüngstes Buch "Deutschland-Clan" vor.

Hund Jascha begleitet Sie. Haben Sie auch einen Leibwächter?

Nein, denn der könnte mich auch nicht schützen. Der große Hund ist ein recht guter Schutz. Aber wenn mich jemand angreifen will, macht er´s, egal, ob mit Leibwächer oder ohne.

Sie schreiben, die italienische Mafia ist Teil der Gesellschaft Deutschlands. Schmeckt´s Ihnen noch beim Italiener?

Ich ess´ dort besonders gern, obwohl das moralisch verdammenswert ist. Aber er hat häufig die beste Küche, weil auch das meiste Geld, um zu investieren. Zudem gibt´s in Thüringen kaum eine Alternative. In Erfurt in ein Lokal zu gehen, das nicht zur Ndrangheta, einem Mafia-Clan gehört, ist schon schwierig.

Thüringen als Ziel der Mafia?

Ich verfolge die Entwicklung in Thüringen seit geraumer Zeit. Seitens der Cosa Nostra gab es einen Masterplan Ende der 80er, wie im Osten zu investieren ist. Hinzu kam, dass die Polizei schwach war und das Problem spät erkannte. Mafiosi haben ihre Leute aus Kalabrien nachgeholt, ihnen hier verschiedene Positionen gegeben, Häuser und Restaurants aufgekauft und sich von da wie ein Krebsgeschwür ausgeweitet. Die Mafia schaut, wo das meiste Geld zu generieren ist. Ich habe eine Auflistung der Mafia-Leute in Thüringen. Da sind Top-Größen, Killer darunter, die völlig ungehindert agieren können.

Wie kommen Sie an Fakten?

Mein Kapital ist, dass ich seit langem gute Beziehungen zu Polizeidienststellen habe. Politisch brisante Informationen zu bekommen, ist einfach Glück. Ich habe einen Namen in bestimmten Kreisen für die Aufklärung von mafiösen Strukturen, außerdem lange Kontakte zu Institutionen und Personen. So kommt in kurzer Zeit viel zusammen. Mein Problem ist eher, mit Informationen überrollt zu werden.

Konfrontieren Sie die Betreffenden vor Veröffentlichung mit den Fakten?

Mitunter habe ich so gutes Material, ist die Beweislage so erdrückend, dass sich dies erübrigt. Ich konfrontiere sie aber mit Vorwürfen. Häufig kommt keine Reaktion oder der Brief eines Rechtsanwaltes. Da wird oft umformuliert, um das Prozessrisiko zu vermindern. Und dann gibt es Leute, richtige Lumpen, da gehe ich dieses Risiko ein.

Vieles wie den Deal zwischen Gerhard Schröder und Gasprom beschreiben Sie als anrüchig und skandalös. Wird Ihnen beim Schreiben nicht schlecht?

Ich bin im Zwiespalt - zwischen innerer Abwehr und Realität. Einerseits bin ich darüber immer entsetzt. Andererseits will ich es nicht wahrhaben. Eigentlich will ich, dass Schröder ein ehrenwerter Mensch ist, alles andere ist ja ein Totalschaden für die Demokratie. Nach Faktenlage ist er aber zumindest politisch käuflich gewesen.

Macht Sie das zornig?

Eher die Tatsache, dass die Schröders und wie sie alle heißen, der Bevölkerung unendlich viel zumuten, sie ohnmächtig dastehen lassen, keinerlei gesellschaftliche Perspektiven aufzeigen und dabei mit der größten Selbstverständlichkeit eigene Interessen durchsetzen.

Sie tippen in die Wunden. Wo bleibt der kollektive Aufschrei?

Bei Lesungen, Diskussionen merke ich schon, dass unendlich viele kritische Bürger - oft Mittelständler, Unternehmer, Finanzbeamte - da sind, die aber alle sehr isoliert sind. Eines verbindet sie: Sie haben den Glauben an den demokratischen Zustand verloren. Ich liefere ihnen Belege für ihre Vorurteile.

Jeder ist korrumpierbar - alles nur eine Frage des Preises?

Davon bin ich überzeugt. Das höchste Angebot waren 800 000 DM, damit ich ein Buch nicht veröffentliche. Ich habe das Geld nicht angenommen, was unter Umständen ein Fehler war. Für soviel Geld hätte ich viel recherchieren können und nicht die finanziellen Probleme, die ich aufgrund von Prozessen gehabt habe. Aber ich wäre erpressbar.

Ihre Bücher legen offen. Verändern sie auch?

Fakten wurden beispielsweise von Bürgerinitiativen als Argumentationshilfe genutzt, als es um Immobilienbetrügereien ging. "Der Deutschland-Clan" hat dazu beigetragen, dass einer von den Osmanis, ein Krimineller, im Knast sitzt. Die haben jetzt Rache angekündigt. Für die Betreffenden ist es ein Imageschaden und das ist das Wichtigste.