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11.06.2008

Der kürzeste Weg zu ihr im Rausch

von Martin Straub TLZ

Jena. (tlz) Auf ein bemerkenswertes Jubiläum gilt es hinzuweisen: Zum 25. Mal ist der Band "Nagelprobe" erschienen, der die 32 preisgekrönten Texte des Wettbewerbes Junges Literaturforum Hessen-Thüringen vereinigt, darunter acht Beiträge von Thüringer Autoren. Der Jubiläumsband ist in Hinblick auf die schriftstellerische Qualität und Themenvielfalt anregend und auch im Deutschunterricht gut einsetzbar. Über die Liebe wird geschrieben, über Gewalt. Es gibt eindrucksvolle Arbeiten über Krankheit und Tod oder das Zusammenleben unterschiedlicher Generationen.
Man sollte den einen oder anderen Beiträger mal in die Deutschstunde zu einer Lesung einladen. Denn immerhin sind unter den zehn Hauptpreisen mit Clara Ehrenwert, Peter Neumann und Jana Ufermann drei Thüringer zu finden. Die Kurzgeschichte von Clara Ehrenwert aus Erfurt "Nach dem Sex mit Vicky" ist einfach clever geschrieben. Sie besticht durch ihre Ironie und Doppelbödigkeit, mit denen da das Liebesleben junger Leute in den Blick kommt. Wie passen da Oberflächlichkeit und Ordnungsliebe zusammen?

Mit Peter Neumann meldet sich ein neues Talent zu Wort. Die drei Gedichte des Jenaer Studenten zeigen, da ist einer unterwegs, probiert unterschiedliche Formen, denkt nach über Poesie und Landschaft, über Schreiben und Leben. Die Nordhäuserin Jana Ufermann ist mit zwei genau gearbeiteten szenischen Dialogen vertreten. Die Momentaufnahmen einer Beziehung verraten etwas über deren Leerstellen.

Ein erstaunliches Formbewusstsein

Ganz anders wieder die gebürtige Jenenserin Katrin Marie Merten. Von ihr ist eine vielschichtige Erzählung mit wechselnden Erzählsituationen über Leben und Krankheit. Da schwingt sehr viel an Mitgefühl und Trauer mit. Nichts gleitet in Sentimentalität ab. Einfühlsam auch Annemarie Michels Erzählung "Das kalte Herz" über den vermeintlich "wilden Grobian Jonas". Eines verraten die Texte immer wieder. Da wird nicht einfach drauf los geschrieben, sondern es wird mit Sprache gearbeitet, und es gibt ein erstaunliches Formbewusstsein. Sicher, in den 500 Einsendungen des Wettbewerbs gab es viel Herz-Schmerz. Und in nicht wenigen Beiträgen reimt man auf Teufel komm´ raus. Aber dann gibt es eben doch wenige erstaunliche Texte über die Liebe. So etwa in der Kurzgeschichte "Im Bett" von Lena Hammerschmidt aus Suhl. Genannt sei auch - man höre und staune - ein Sonett Jan Lindners. "Nur zu Besuch" überschreibt er es und geht sogleich zur Sache: "er sucht im Rausch den Weg zu dir zu kürzen, / indem er auf den Küchentisch dich hebt".

Geraerin wiederholt unter Preisträgern

Lesenswert sind auch die drei Beiträge Simone Ungers "Übungen". Die Geraerin, jetzt in Hildesheim und Marseille studierend, gehörte schon oft zu den Preisträgern dieses Wettbewerbes. Ihr Titel ist für die Beiträger Programm. Bei ihr lässt sich über die Jahre ein Zuwachs an Schreibqualität verfolgen. Wie sagt es doch das langjährige Jury-Mitglied Antonia Günther aus Bad Heiligenstadt in ihrem lesenswerten Vorwort: "Auch wenn wir keinen künftigen Brecht unter unseren Preisträgern garantieren können, ,ein redliches Bemühen in deutschen Versen´ (Johannes Bobrowski) muss ihnen zugestanden werden. Ihnen eine Zukunft zu prophezeien ist vielleicht zu früh, sich mit ihnen an der Gegenwart zu freuen, genügt uns für heute."

i Nagelprobe 25 - Preisgekrönte Texte des Wettbewerbs Junges Literaturforum Hessen-Thüringen, hrsg. vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, mit finanzieller Unterstützung der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, Allitera Verlag, 120 Seiten, 12.90 Euro.Clara Ehrenwert, Jan Lindner, Annemarie Michel, Katrin Marie Merten und Peter Neumann lesen im Rahmen der Thüringer Literatur- und Autorentage am Freitag, 20 Uhr, im Café Wagner in Jena.