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06.06.2007

Der Grundstock soll wachsen

von Frank Quilitzsch TLZ

Wandersleben. (tlz) Thüringen ist viel reicher an Kultur, als man gemeinhin annimmt. Und nicht alle Plätze literarischer Erleuchtung liegen in den Zentren Weimar, Jena oder Erfurt. Es gibt Kleinode zu entdecken - jenseits des touristischen "Mainstreams"! Den Barockdichter Menantes (1680-1721) zum Beispiel, einen galanten, seinerzeit viel gelesenen Autoren, der - dank der rührigen Kirchgemeinde seines Geburtsortes Wandersleben - seit kurzem kein Geheimtipp mehr ist.
2006 wurde dort im Pfarrhof eine Literaturgedenkstätte für Christian Friedrich Hunold, wie er mit bürgerlichem Namen hieß, eingerichtet und unter seinem Künstlernamen ein Preis ausgeschrieben: der "Menantes-Preis für erotische Dichtung". Die Resonanz war überwältigend. Von 770 Einsendungen konnte die Jury die 25 besten in eine Anthologie aufnehmen - und über die literarischen Ergüsse auch den kleinen Ort unweit von Gotha überregional bekannt machen. Die Ausschreibung für die Fortsetzung des alle zwei Jahre geplanten Wettbewerbs erfolgt im Herbst.

Damit nicht genug. Der Menantes-Pfarrhof soll von der Gedenk- zur Begegnungsstätte ausgebaut werden, und diesem Ziel dient auch ein neues Projekt, bei dem den Wanderslebenern tatkräftig vonseiten des Palmbaum e. V., der Literarischen Gesellschaft, dem Lese-Zeichen e. V. und dem Schriftstellerverband zugearbeitet wird: der Aufbau einer Thüringenbibliothek.

Was das sei? "Eine Präsenzbibliothek, die einen möglichst breiten Querschnitt Thüringer Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart vereint", erläutert der Jenaer Filmemacher, Autor und Herausgeber Jens-Fietje Dwars, einer der Initiatoren des Projekts. Alle im Lande schaffenden Autoren, Thüringer Literatur verbreitenden Verlage, Buchhandlungen, Antiquariate und Literaturliebhaber sind aufgerufen, sich am Aufbau der Bibliothek zu beteiligen. "Natürlich haben wir kein Geld und sind deshalb auf Bücherspenden angewiesen", so Dwars, doch bestehe die Möglichkeit, sich auf Wunsch Spendenquittungen ausstellen zu lassen. Außerdem werde jeder Spender im Buch mit einem entsprechenden Ex Libris ausgewiesen.

Was gehört hinein in diese öffentlich zugängliche Bibliothek? "Wir haben uns umgekehrt gefragt, was nicht hinein gehört. Was machen wir zum Beispiel mit Autoren, die vor 1945 der nationalsozialistischen Ideologie anhingen? Ich denke, dass man das im Einzelfall prüfen und nach Möglichkeit dokumentieren sollte", kündigte Dwars an. Keinen Platz werde man rechtsextremen Schriften einräumen.

Was ist mit Kochbüchern? "Nein, auch keine Kochbücher." Beim Stichwort Gesangsbuch zögert der ehrenamtliche Thüringenbibliothekar, der sich am liebsten auf Belletristik und Essays festlegen möchte - aber was wäre das für eine Begegnungsstätte, in der nicht gesungen wird! "Wir geben keinen Kanon vor", lenkt Dwars ein, "obwohl wir natürlich daran interessiert sind, Werke wichtiger Autoren und Menantes-Zeitgenossen wie Kaspar Stieler oder Salomon Franck präsent zu haben. Danach werden wir gezielt in Antiquariaten stöbern."

Aller Anfang ist schwer, kann aber auch schön sein. Die Eröffnung der Wanderslebener Thüringenbibliothek wird im Rahmen der 10. Thüringer Literatur- und Autorentage am Sonnabend mit einem Hoffest gefeiert. Der Schriftsteller Matthias Biskupek wird "olle Kamellen" und neue Texte lesen. Jens-Fietje Dwars durchstöbert den Fundus auf der Suche nach ersten Bücher-"Schätzen", und der Jazzmusiker Frieder W. Berger improvisiert auf verschiedenen Blechblasinstrumenten. Apropos Fundus, wie viele Bücher sind denn schon im Pfarrhaus? Dwars: "Vorige Woche waren es rund 200. Über die Vereine treffen weitere ein. Ich selbst nehme eine große Fuhre mit. Zur Eröffnung rechne ich mit einem Grundstock von 500."

! Eröffnung mit Lesung: Sonnabend, 16.30 Uhr; Buchspenden und Anfragen an: Pfarrer Bernd Kramer, Pfarramt Apfelstädt, Kirchgasse 4, Tel./Fax: (036202) 90595Werke von Thüringer Autoren vom Barock bis in die Gegenwart sollen die Regale des Wanderslebener Pfarrhauses füllen.