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22.03.2006

Der Grenzgänger kommt nach Neustadt

von P.C. Ostthüringer Zeitung

Landolf Scherzer liest in Stadtbibliothek

Neustadt (OTZ/P.C.). Den Stacheldraht und die Signalanlagen gibt es nicht mehr. Die Wachtürme, sofern sie noch stehen, sind nicht mehr besetzt und die Minenfelder geräumt. Der Grenzstreifen, der einst die Deutschen in zwei Lager teilte, wächst immer mehr zu. Doch wie hat sich das Leben links und rechts des Kolonnenweges verändert? Ist wirklich zusammen gewachsen, was Jahrzehnte lang getrennt war? Wurden neben den Grenzschutzanlagen auch die Mauern in den Köpfen der Menschen eingerissen? Der südthüringische Journalist und Schriftsteller Landolf Scherzer suchte Antworten auf diese Fragen.
Fünfzehn Jahre nach dem Verschwinden der DDR und seiner Grenzanlagen geht er mehr als 400 Kilometer, mal ein Dorf West, dann ein Dorf Ost, immer in das erste Haus links. Und fragt nach der Befindlichkeit der Menschen die darin wohnen und schreibt sie in seinem Buch "Der Grenzgänger" auf. Und weil Landolf Scherzer ein Mensch ist, der mit den normalen Leuten reden kann und wunderbar zuhört, entsteht ein wunderbares Panorama der Befindlichkeit der normalen Leute, ein deutsches Lehrstück aus der alten Grenze geschnitten. Auch 15 Jahre nach der Wende müssen die Bewohner zwischen Gräfenthal und Vacha sehen, wie sie ohne Zonenrandförderung oder sozialistische Vollbeschäftigung zurechtkommen. Denn so herrlich die Natur grünt, so bitter sind die Lebensbedingungen in der Region: hohe Arbeitslosigkeit, Abwanderung der Jungen, Schließung sozialer Einrichtungen. Mitten in Deutschland, fühlen sich die Leute oft aufgegeben und vergessen.

Da braucht es nicht viel, um sie zum Reden zu bringen. In Einzelschicksalen kommen Probleme zur Sprache, die stellvertretend für die des ganzen Landes stehen. Es gibt etliche Verlierer- und einige Gewinnerbiographien, viele Vorurteile zwischen Ostlern und Westlern und viel versprechende Annäherungen.

Dass auch dieses Abenteuer beschwerlich, aber wichtig ist, belegen die Diskussionen, die Scherzers ungewöhnliche Reise bereits ausgelöst hat. Gelegenheit dazu gibt es am Mittwoch, dem 5. April, um 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek Neustadt, wenn Landolf Scherzer aus seinem Buch "Der Grenzgänger" liest.

Eintrittskarten für die Lesung können unter Tel. 036481/22901 oder per E-Mail an stadtbibliothek@neustadtanderorla.de reserviert werden.