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04.04.2011

Der falsche Prinz

von Annerose Kirchner Ostthüringer Zeitung

Jens Kirsten erkundet in seinem Band Nennen Sie mich einfach Prinz" die Lebensspuren des Hochstaplers Harry Domela, der einst die Weimarer Gesellschaft erfolgreich täuschte

Ein junger Mann, gerade mal 21. Schlank, gutes Aussehen, perfektes Benehmen, vornehmes Auftreten und gewandte Sprache, eben ein Weltmann. Nur der schwere Rucksack und der abgetragene Straßenanzug passen nicht so recht zu diesem Herrn.

Das stört allerdings den Chef des Nobelhotels "Erfurter Hof" gegenüber dem Erfurter Hauptbahnhof überhaupt nicht. Direktor Georg Kossenhaschen fällt sofort die verblüffende Ähnlichkeit des illustren Gastes, der sich als Baron Korff vorstellt, mit Prinz Wilhelm von Preußen, dem Sohn des ehemaligen deutschen Kronprinzen und Enkel Wilhelm II., des letzten deutschen Kaisers, auf. So wird aus dem arbeitslosen Deutschbalten Harry Domela, der unter falschem Namen im "Erfurter Hof" eincheckt, im Herbst 1926 ein Hohenzollern-Prinz, der in der thüringischen Adelsgesellschaft herumgereicht wurde. Kurz zuvor hatte "Ihre Durchlaucht" noch am Hungertuch genagt, in Berlin auf der Straße gelebt, im Obdachlosenasyl oder in Bahnhofshallen eine Schlafgelegenheit suchen müssen. Immer in der Angst, entdeckt und verhaftet zu werden, denn er hat keine Papiere, keinen Pass, gilt als staatenlos. Aus Not hat er in Berlin drei Silberlöffel gestohlen und ist von der Polizei ertappt worden, die ihn aber wieder laufen lässt. Er bettelt, hungert und schlägt sich als Tagelöhner und Handlanger durch, zwischen Berlin, dem Harz und Erfurt. Und schlüpft in Heidelberg im Studentenkorps der "Saxo-Borussen" in seine erste Rolle als "Prinz Liven".

Wer war Harry Domela, geboren 1904 oder 1905 in Grusche in Livland, Halbwaise und 1919 Kindersoldat im Freikorps "Brandis" im Baltikum? Ein Betrüger, ein Hochstapler? "Die Geschichte ist komplizierter, als es auf den ersten und zweiten Blick scheint", sagt der Autor Jens Kirsten, Projektmanager des Thüringer Literaturrates. Als Jugendlicher las Kirsten die Erinnerungen "Der falsche Prinz. Leben und Abenteuer des Harry Domela", die der Hochstapler während seiner sechsmonatigen Haft im Kölner Gefängnis 1927 verurteilt wegen Zechprellerei und Betrug geschrieben hatte.

Wieland Herzfelde veröffentlichte kurz darauf die Geschichte im Malik-Verlag. Die Auflage von 120 000 Exemplaren war innerhalb eines Jahres verkauft und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Den über Nacht berühmten Autor bewunderten prominente Kollegen wie Carl von Ossietzky, Kurt Tucholsky, Egon Erwin Kisch, Erich Kästner und Thomas Mann. Das Honorar, immerhin 250 000 Mark, zerrinnt ihm zwischen den Fingern. In einem Stummfilm spielt Domela sich selbst, tritt im Theater auf und betreibt in Berlin ein Kino, in dem sein eigener Film läuft, bis nach drei Monaten Schluss ist. Die Prinzennummer zieht nicht mehr. Domela versucht sich als Journalist und plant ein weiteres Buch, das "Hinter den Kulissen der Sensation" heißen sollte, aber nie vollendet wird.

"Ich las das Domela-Buch in der Ausgabe von 1983, in der bb-Reihe des Aufbau-Verlags erschienen", sagt Jens Kirsten. "Im Nachwort schrieb Herzfelde darüber, dass Domela im Spanienkrieg gekämpft hatte und sich seine Spur dann in Südamerika verlor. Das stachelte meine Phantasie an, ohne dass ich etwa daran gedacht hätte, seinen weiteren Lebensweg einmal zu erforschen." Das ist Jens Kirsten nun beeindruckend gelungen mit der Publikation "'Nennen Sie mich einfach Prinz'. Das Lebensabenteuer des Harry Domela", erschienen als Band 65 in der Reihe "Weimarer Schriften", herausgegeben vom Stadtmuseum Weimar. Diese Veröffentlichung, die auch ein Stück Weimarer Stadtgeschichte im neuen Licht erscheinen lässt, könnte der Beginn der längst anstehenden Domela-Rezeption sein. Am Anfang steht natürlich Domelas Buch, dessen letzte Neuauflage vergriffen ist. "Sonst existieren nur verstreute Hinweise", meint Jens Kirsten und empfiehlt zur weiteren Lektüre die Biografie "Theodor Plivier. Nullpunkt der Freiheit", verfasst von Harry Wilde, in der Domela auf wenigen Seiten Erwähnung findet.

Jens Kirsten erinnert in seinem Buch nicht nur an den Auftritt des falschen Prinzen in Erfurt. Er beleuchtet dessen Zwischenstopps in Weimar, vorrangig den letzten Aufenthalt am 8. Dezember 1926. Von Erfurt kommend bezieht Domela noch einmal Quartier im "Hotel Erbprinz" (neben dem Hotel "Elephant"). Im Weinlokal "Fürstenkeller" gönnt er sich Champagner und begegnet dort einem Stadtunikum, dem Hofbäckermeister Arno Schmidt, genannt Graf "Arno", mit dem er bald darauf in dessen Stammlokal "Zum weißen Schwan" zieht. Die Saufnacht endet mit einem Eintrag im Gästebuch des "Goldenen Adlers" und einer saftigen Rechnung für den düpierten Bäcker. Der rührige, untertanentreue Meister, der "Gretchenzöpfe" und "Mephistohörner" herstellt, wird deutschlandweit bekannt, weil ihn Domela in seinem Buch genauestens beschreibt.

"Domela war sicher weder ein Duckmäuser, noch durch übermäßige Bescheidenheit geschlagen. Seine Rolle als Hochstapler ist leicht überbewertet. Das war eine Rolle. Eine Eskapade, die er sich erlaubte, als er gemerkt hatte, wie sehr diese ganze Weimarer Republik noch der Kaiserzeit verhaftet geblieben war, wie sehr das gesamte Gesellschaftssystem auf Servilität, Status, Schein und Lug gründete", sagt der viel belesene Jens Kirsten, der sich den Mühen einer schwierigen Recherche unterzog, da nur wenige überlieferte Dokumente existieren. Besonders interessierte ihn Domelas weiteres Schicksal: Flucht durch Europa vor den Nazis, Offizier im spanischen Bürgerkrieg auf republikanischer Seite, danach mehrere Internierungen und Fluchten bis zum Exil in Südamerika. Während des Zweiten Weltkrieges helfen ihm die französischen Schriftsteller André Gide und André Malraux.

Mit einem falschen Pass auf den Namen Victor Zsajka strandet Harry Domela schließlich in Venezuela, in der Millionenmetropole Maracaibo. Er bleibt zeitlebens ein Staatenloser, immer in der Angst, seine wahre Identität könnte entdeckt werden. Seine Homosexualität kann er nie ausleben. "Die tragische Dimension Domelas liegt in seiner Staatenlosigkeit, die ihn bis zu seinem Tod verfolgte. Die transkontinentale Tragweite seines Lebens macht es zu einem Jahrhundertschicksal", schreibt Jens Kirsten, der während seiner Recherchen auch mit der Schriftstellerin Gudrun Pausewang sprechen konnte, die mit Domela in Venezuela Kontakt hatte. Wichtig auch der Forschungsbeitrag von Werner Liersch. In der DDR galt Domela als persona non grata. Der Spanienkämpfer wurde verleugnet, weil er als "Außenseiter, als politisch unzuverlässig" galt, vor allem wegen seiner harschen Kritik an den Internationalen Brigaden, der KPD und ihrer zukünftigen Rolle.

In Venezuela schlägt sich Victor Zsajka alias Harry Domela mehr recht als schlecht durch, zuerst als Verkäufer von Coca-Cola, dann als sehr geschätzter Gymnasiallehrer für Kunstgeschichte. Die Arbeit hält ihn regelrecht am Leben. Staatenlos bleibt er bis ans Lebensende, wird nie richtige Papiere bekommen, hat Angst vor den Behörden und auch vor Deutschland. Er lebt allein, hört Schallplatten und malt. Wie es ihm ergeht, belegen die erhaltenen Briefe, die er an Harry Wilde (Plivier-Biograf) und den ehemaligen Spanien-Kämpfer Jef Last schreibt. Die Freunde sind ihm in den 60er Jahren auf die Spur gekommen und ihnen erzählt er von seiner sehr bescheidenen, illegalen Existenz, bis der Kontakt abbricht. Die letzte Briefnachricht stammt vom März 1978.

Jens Kirsten hatte sich zum Ziel gesetzt, das Todesdatum von Domela zu ermitteln. Vergeblich. Über postalische Anfragen in Maracaibo kommt er nicht weiter. Für ihn hat Domela eine exemplarische Vorbildfunktion, weil sein Lebensweg von Aufrichtigkeit, von Erkenntnis und politischer Integrität geprägt war. "Es bleibt allerdings die Frage, ob es in Venezuela einen Nachlass von Harry Domela gibt, der wie durch ein Wunder auftauchen könnte. Das wäre allerdings eine literarische Sensation."

Während dieser OTZ-Text entsteht, gibt es unerwartet Neuigkeiten. Jens Kirsten ist auf zwei Artikel in venezolanischen Zeitungen gestoßen, die das mögliche Todesdatum von Victor Zsajka/Harry Domela nennen: 4. Oktober 1979. Die Geschichte des Mannes, "der sich verschwinden ließ" mit Parallelen zu Wilhelm Voigt oder B. Traven ist beileibe noch nicht zu Ende geschrieben.

Jens Kirsten: "'Nennen Sie mich einfach Prinz'. Das Lebensabenteuer des Harry Domela". Weimarer Schriften, Heft 65. 6,90 Euro.

Bestellmöglichkeit: stadtmuseum(at)stadtweimar.de