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08.03.2007

Der Barde und die Dichterin

von ms Freies Wort

Wortklang? brachte Wulf Kirsten und Daniela Danz nach Schmalkalden

Wulf Kirsten und Daniela Danz wirken fast wie Großvater und Enkelin am Lesetisch im Gemeindezentrum der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde. Über 40 Jahre beträgt der Altersunterschied zwischen dem Poeten mit dem grauen Schnauzbart und der Frau mit der dunkelroten Halskette.
SCHMALKALDEN ? Zusammengebracht hat die beiden Schriftsteller der Jenaer Verein Lese-Zeichen. Mit der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen veranstaltet der Verein die Reihe ?Wortklang ? Lyrik im Konzert?. Verschiedene Thüringer Städte wird der Verein in diesem Jahr bereisen, Schmalkalden war am Dienstagabend die erste Station.

Dr. Martin Straub vom Lese-Zeichen begrüßt das Publikum mit einer Antwort auf die Frage, wie Sparkasse und Lyrik zusammenpassen. ?Auf den Kapitalmärkten wird eine andere Sprache gesprochen?, sagte Straub zu den etwa 50 Zuhörern. ?Hier kann dem etwas entgegengesetzt und der menschliche Reichtum vermehrt werden.? Den Weimarer Dichter Wulf Kirsten stellte er als einen Entdecker von Daniela Danz vor, die zwei Gedichtbände und einen Roman veröffentlicht hat und als freie Autorin in Halle lebt.

Wulf klingt sehr väterlich, wenn er sagt, er habe Texte von Daniela Danz in einer Zeitschrift entdeckt und gewusst, das sei eine, auf die er aufpassen muss. Die 30-Jährige wiederum erzählt, sie kenne den Dichter schon sehr viel länger als er sie, weil sie mit seinen Zeilen im Kopf durch ihre Heimat gestapft sei.

Seine Zeilen, das sind Gesänge auf den erdigen Acker, auf Matsch und Lehm und alles, was darauf entsteht und vergeht. Sein Frühling schaukelt mit einem Mädchen an einem blühenden Baum um die Wette, der sich in den Himmel wölbt.

Kirsten liest pointiert, mit kräftiger Stimme reibt er sich an den Worten und reiht die Silben aneinander wie ein kunstfertiger Handwerker. Das klingt lebensprall, aus einem reichlich sprudelnden Brunnen der Erinnerung geschöpft. Fraßbilder sieht der Dichter, wenn er sich an die Tage seiner Kindheit erinnert. ?Gestern noch blindlings drauf los gelebt?, beginnt ein anderer Text des Weimarers, der seit einem halben Jahrhundert die Welt der Poesie mit seinen Beschreibungen von Leben und Landschaften bereichert.

Während Kirsten wie ein Habicht aus dem Dichterhimmel herabstößt, sich mit Ironie und Sarkasmus hermacht über die Dinge, kreist Daniela Danz weit oben im transparenten Blau eines Wintertages. Elegisch ist der Ton ihrer Gedichte, sie gleitet über die Silben wie über trügerisches Eis, vorsichtig, weil es brechen könnte. Es ist ein großes Warten in ihren Texten, eine melancholische Gewissheit, dass alles vergeht, auch der Moment, den sie gerade beschreibt. Wenn sie liest, ?dem Abendrot folgt endlich die ebene Nacht?, scheint hinter dem Augenblick dessen Vergänglichkeit durch. Sehnsuchtsvoll klingt das und so, als sei jedes Hoffen vergeblich: Danilos Sohn wird die dunklen Treppen hinunter- und ins Paradies springen. ?Der baut deinen Brunnen nicht fertig, Danilo.?

Danz und Kirsten wechseln sich beim Lesen ab. Anfangs entsteht dabei so etwas wie ein Duett. Später wird immer deutlicher, wie verschieden die beiden poetischen Stimmen sind. Ihren Zeilen vom Fremdbleiben stehen seine Verse vom Heimischwerden gegenüber. Immer knapper wird sein Ton, gemessen bleibt ihrer. Wird bei ihm gespießt und gestürzt, dass es beinhart scheppert, steht sie vor persischen Kacheln aus dem 18. Jahrhundert, fern, fremd und suchend. ?Was mache ich denn jetzt??, fragt Danz mit einem Lachen, als Kirsten das Publikum mit der sarkastischen Schilderung einer Bahnreise zum Lachen bringt. ?Ich beharre auf meiner Einsamkeit?, sagt die Dichterin. Und für einen Moment wird die Gefahr des Konzeptes deutlich, zwei Dichter nebeneinander im Wechsel lesen zu lassen. Das kann schnell in Konkurrenz umschlagen ? und das Publikum überfordern, wenn ein Gedicht in den Nachklang des gerade gehörten fällt. Bevor das jedoch geschehen konnte, endete nach einer guten Stunde das Programm ? mit ?Wanderers Nachtlied? im Duett von Anna Wirsing und Christian Storch, Schülern der Schmalkalder Musikschule. Mit ihnen traten Stefan Glock und Katharina Fräbel auf, die mit Stücken von Rachmaninow und Beethoven am Klavier für den passenden musikalischen Rahmen sorgten. (ms)