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16.01.2008

Der Autor und sein Kommissar

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) "Bin ich", fragt der Schriftsteller Ingo Schulze, "für 6000 Euro ein Werbeträger?" Im November hatte er in Weimar den von der Literarischen Gesellschaft ausgelobten Thüringer Literaturpreis empfangen und mit seiner kritischen Dankesrede eine bundesweite Diskussion darüber ausgelöst, dass sich der Staat immer mehr aus der Kulturfinanzierung zurückzieht. Das Land Thüringen ist mit null Cent an der zum zweiten Mal vergebenen Literaturauszeichnung beteiligt. "Müsste", spitzte Preisträger Schulze am Montagabend im Weimarer mon ami die Debatte zu, "dann der Preis nicht korrekterweise E.ON-Energiepreis heißen?"
Diese Frage kann auch nach zweistündiger, zum Teil sehr hitziger Debatte nicht beantwortet werden. Sicher ist aber so viel: Mäzenatentum und Sponsoring sind nichts Ehrenrühriges. Im Gegenteil, ohne private Förderer könnten die meisten literarischen Projekte in Thüringen gar nicht überleben. Was haben wir darüber hinaus gelernt?

Privates Engagement ist kein Unfall, sondern aus der Sicht der Landesregierung hochwillkommen! Damit sich der Staat immer mehr aus seiner Verantwortung entlassen darf? Staatssekretär Walter Bauer-Wabnegg plädiert für eine Mischfinanzierung. Aber Sponsoren tun sich schwer mit Literatur und bildender Kunst, und vom Land komme immer weniger! konstatieren die Kulturschaffenden und Künstler im Saal. Offenbar ein Wahrnehmungsproblem. Denn die Regierung wolle, bekommen sie zu hören, keineswegs an der Kultur sparen, sondern den Etat nur umverteilen - von der sogenannten "Hochkultur" auf die Sozio- und Breitenkultur. Aber dort kommt nichts an! Haben also letztlich die Bürger Schuld, die ihre Theater und Orchester in höchster Not vor dem Kahlschlag der Landesregierung gerettet haben?

Empörung im Saal, wo jene versammelt sind, die mit ihrem größtenteils ehrenamtlichen Engagement den Kulturprozess am Leben halten. Die Landesregierung möge aufhören, immer nur über Kosten zu klagen und Kultur endlich als Chance begreifen und gestalten, fordert der dichtende SPD-Landtagsabgeordnete Hans-Jürgen Döring. Wende-Aktivist Ingo Schulze geht noch einen Schritt weiter, warnt vor einer Tendenz der Privatisierung in allen gesellschaftlichen Bereichen und wird dafür vom Staatskommissar als "tief rot" gebrandmarkt. Da hält es den Weimar- und Konrad-Adenauer-Preisträger Wulf Kirsten, der sich an Zeiten des Kalten Krieges erinnert fühlt, nicht länger auf seinem Stuhl. Wo leben wir eigentlich, dass ein Schriftsteller von einem Landesbediensteten öffentlich gerügt wird, weil er, was seines Amtes ist, gesellschaftliche Verhältnisse in Frage stellt? Ingo Schulze kennt dies noch gut aus DDR-Zeiten. Nur wurde damals das Bier nicht von der Friedrich-Ebert-Stiftung gesponsert.