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18.03.2010

Denkmal für die verschwundenen Dörfer in der Wismutregion

von Katja Schmidtle Ostthüringer Zeitung

Johannes Weiser ist aufgeregt, glücklich aufgeregt. Der große Mann mit dem schlohweißen Haar hat sich auf das Podest im Eingangsbereich der Geraer Bibliothek am Puschkinplatz gestellt. In der allgemeinen Aufbruchsstimmung, im Gewühl von Menschen geht es ein bisschen unter, was er zu sagen hat. Endlich ist meine Geschichte aufgeschrieben worden, sagt Weiser. Er hat darauf gewartet, fast sein ganzes Leben lang. Die ersten 40 Jahre durfte er nichts sagen, die letzten 20 Jahre nun ja, wer interessiert sich für das, was in den 1950er und 1960er Jahren mit sieben kleinen Dörfern in Ostthüringen geschehen ist?

 

Annerose Kirchner interessiert sich. Die Geraer Autorin hat Johannes Weiser aus Sorge zugehört und Erika Nettbohl aus Lichtenberg, Annita Meyer, Dieter Sonntag, Günter Baum und vielen anderen. Von deren Leben berichtet sie in ihrem neuen Buch Spurlos verschwunden. Dörfer in Thüringen Opfer des Uranabbaus. Am Dienstagabend stellte Kirchner mit ihrer Lektorin beim Christoph Links Verlag Berlin, Jana Fröbel, das Buch in der Geraer Bibliothek vor. Rund 80 Zuhörer waren gekommen.

Der Titel des Buches, das sagt Annerose Kirchner gleich zu Beginn, sei eine Verlegenheitslösung. Denn so spurlos verschwunden sind Sorge, Katzendorf, Culmitzsch, Gauern, Lichtenberg, Gessen und Schmirchau nicht. Es sind ehemalige Einwohner wie Johannes Weiser, die ihr von den Dörfern erzählen können weit intensiver als man es bisher kannte. 80 Gesprächsstunden inklusive Mittagessen und Kaffee habe Kirchner bei Johannes Weiser verbracht. Unvergessen ist für ihn der 18. Oktober 1951, der Tag des Abschieds von Sorge. Hier lag das Uranerz lediglich einen bis vier Meter unter der Oberfläche. Wie ein Maulwurf, der paddelt, empfand Weiser den näherrückenden Tagebau, der die Landschaft zerpflückte.

Es sind Geschichten vom Verlust der Heimat und vom Neuanfang, die Annerose Kirchner erzählt. Klar und nüchtern in der Sprache die Fakten sind schließlich gewaltig genug. Sechs solcher Lebensgeschichten hat sie zu Papier gebracht. Sie stehen exemplarisch für das Leben in diesen Dörfern, erklärt Lektorin Fröbel. Und sie sind verwoben mit DDR- und Wismut-Geschichte, ohne dabei allzu historisch zu sein. Auch heute werden Dörfer abgerissen, in der Lausitz oder bei Leipzig für die Braunkohle. Das Sterben von Heuersdorf habe ich gesehen, erzählt Kirchner von dem sächsischen Ort, dessen Emmauskirche 2007 nach Borna umgesetzt wurde. Der Planet wird geplündert bis zuletzt, ist Kirchners Fazit. Selbst die von Wismut und Buga erneuerte Thüringer Landschaft hat ihre Wunden, denkt die Autorin an das gescheiterte Weltentor-Projekt.

 

Nach anderthalb Stunden endet die Lesung. Beendet ist das Thema nicht. Annerose Kirchner hofft, doch noch Zeitzeugen zu finden, die ihr von Gauern berichten und sie plant das nächste Buchprojekt. Die Thüringer Dörfer lassen sie nicht los.