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12.03.2005

Dem Künstler Alfred T. Mörstedt zum 80. Geburtstag

von Matthias Biskupek TLZ

Lässt ein bildender Künstler sich mit Literatur ein, muss er deutlich werden: Was habe ich mit diesem Text zu schaffen?

Mörstedt schafft zu Texten Blätter. Wenn der Dichter Kristian Pech sich seine "Reyn pflantzlicke Lybe" zusammenreimt, so baut Mörstedt Collagen aus Zeitungs-Bäumen und Buchseiten-Pflanzen dazu, zwischen denen rein menschliche Figuren diverse "Stellungen" probieren. Und wenn der Dichter Franz Fühmann aus Steputats Reimlexikon Zweizeiler herausschneidet und denen durch Überschriften ganz erstaunliche Geheimnisse entlockt ("Einsame Liebe // Ich herze / die Kerze"), so stellt Mörstedt dazu allerlei ausgeschnittenes Getier, wie "Der Bayerkönig Ludwig und sein Leibhusar". Letzterer ist ein Geißbock mit Rehaugen.

Das mir liebste Mörstedt-Buch aber heißt "Fachwerkpyramide oder Wenn die Ägypter mehr Holz besessen hätten". Im handlichen Querformat sind, neben einem Vorwort von Harald Gerlach, allerlei Collagen Mörstedts versammelt.

"Heilige Johanna der Heimatfreunde" heißt es da oder "Die Walnußuhr neben dem Himbeerbaum". Für solche Zeilen braucht man, denke ich, einen besonderen Frohsinn.

Die Jahre, als diese Collagen entstanden, waren Jahre einer reifenden Verbissenheit der Funktionärskaste. Sie konnte ihre zu kurz geratene Welt zwischen Erfurter Hof und Palast der Republik nurmehr bierernst denken - und ein Feingeist, also einer von feinem Humor, mag ihnen unheimlich gewesen sein.

"In den Bergen sind die Tiere anders" heißt eines der Bildstücke Mörstedts. Bei Mörstedt sind die Tiere immer anders. So was wollen Macht-Haber nicht kennen. Anders seiende Tiere. Sie wollen auch jene Leute nicht kennen, die anders denken, weil bei ihnen Humor mitschwingt.

Lassen sich Allgewaltige mit Humor ein, bleibt ihnen über kurz oder lang nichts anderes übrig, als ihre Allmacht aufzugeben. In den Jahren von 1975 bis 1982 war daran nicht zu denken.

Hätten die führenden Genossen nämlich die feinen Stücke von Mörstedt angesehen, und hätten sie sich auf diese eingelassen - die Weltgeschichte rund um Erfurt wäre anders verlaufen. Aber die Ägypter haben nun mal kaum Holz besessen und die führenden Genossen kaum Humor.

Von Jens Henkel

Da ringt einer um Selbstverständnis, das in seinem Kern immer wieder um die Frage kreist, wie künstlerische Subjektivität allgemeingültigen Ausdruck finden kann. Was bleibt? Sind die Mittel angemessen? Wie steht es um das Verständnis des Betrachters für die kreativen Möglichkeiten? Hier versteht einer die Kunst so, wie einst die Bauhäusler vom nahen Weimar. Die Möglichkeit an diese Tradition anzuknüpfen, wurde an seiner ehemaligen Ausbildungsstätte, der Weimarer Hochschule für Bildende Künste, schmählich verspielt, als sie 1951 im Wortsinn von der Bildfläche verschwand.

Hinter der Souveränität des Vortrages und der kostbaren Leuchtkraft seiner Blätter verbergen sich große Ernsthaftigkeit und lebenslange Erfahrung im Umgang mit Formen und Farben.

Fast anachronistisch scheinen heute Mörstedts - durchaus provokativ gemeinte - Bekenntnisse zu Begriffen wie "Anmut des Vortrages" oder das "Schöne". Um so verständlicher, wenn ihn Beliebigkeit, Aktionismus und Vordergründigkeit des gegenwärtigen Kunstbetriebes ärgern. Vielleicht erscheint deshalb dieser Künstler noch immer als Außenseiter.

Mörstedts moralische Integrität, sein aufrechter Gang brachten ihn überhaupt erst zu ureigenen künstlerischen Positionen. Liest man seine Texte, ahnt man um Schwierigkeiten in der DDR. Was Mörstedt damaligen Kunstverwaltern entgegenhielt, hatte nun wahrlich nichts mit dem eingeforderten "Sozialistischen Realismus" zu tun. Seine Ausstellungen nutzte er sogar verbal als Forum, sich für die sogenannte gegenstandslose Kunst einzusetzen.

In diesen Reden ging es ihm nicht um detailreiche Erklärungen zu seinen Arbeiten, sondern um Grundsätzlicheres: um künstlerische Verantwortung und persönliche Haltung. Dazu gehörte Mut. Kein Wunder, daß ihn die Staatssicherheit der DDR als Objekt der Bespitzelung unter dem Decknamen "Graphik" führte.

Den Fall der Mauer im Jahre 1989 verfolgte Mörstedt mit Erleichterung und Freude; auch er demonstrierte damals dafür in Erfurt.

Ausstellungen im Westen Deutschlands folgten. Er wurde öffentlich anerkannt, so mit dem Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland und dem Kunst- und Kulturpreis seiner Heimatstadt Erfurt. Nichts musste dieser Künstler nach 1989 eilfertig umformulieren. Schwer tut er sich mit der neuen Narrenfreiheit und der um sich greifenden Gleichgültigkeit, die einsam macht.

(Aus dem Vorwort von Verleger Jens Henkel zu Mörstedts "Wortmeldungen").

Michael Wüstefeld: Für ATM.

Gerissen zerrissen / Nie übern alten Klee gelobt / Collagiert couragiert / Den Aufstand geprobt / Ausgeschnitten geschnitten / Schattental mit Tarnfarben / Kalkuliert radiert / Über Weltschmerznarben / Gemuckt gedruckt / Aufgehender Seifensieder / Geklebt gelebt / Vorhang auf und nieder.

Annerose Kirchner: Klangquadrat für ATM.

Im Kreuzpunkt zweier Linien findet / das Echo den ersten Ton und komponiert / dumpfe Beischläge. Sätze ohne Noten, / multipliziert vom Umriß der Ecken. Die Melodie / ein Raum für Farben mit Mustern / aus genähtem Papier.

ZUR SACHE

"Wir staunen. Wir lächeln vor Freude. Ob solcher Ordnung mitten im Chaos. Wir lauschen verzückt. Lang noch hallt es in uns nach. Hier weiß einer um die Klänge der Farben und Formen. Ganz leicht wird uns. Durch das, was so schwer zu machen ist: Kunst. In ihrer besten, ausdrucksstarken Form. Wir sind beschenkt, ohne es zu verdienen. Danke." Mit diesen Worten würdigten wir Alfred Traugott Mörstedt zum 70. Geburtstag. Am 15. März wird der in Erfurt lebende Künstler 80 - und unser Dank für sein tief empfundenes, dem Weltenklang abgelauschtes und mit einer feinen Prise Schalk gewürztes Werk hält unvermindert an. Dem derzeit schwer erkrankten Mörstedt sind mehrere Ausstellungen gewidmet: So sind im Weimarer Haus Am Horn und in der Stadtbücherei Weimar ab heutigem Samstag und bis 24. April Batik-Arbeiten zu sehen. Am 16. März startet im Thüringer Landtag eine große Retrospektive (bis 13. Mai). Vom 19. März bis 30. April präsentiert in Saalfeld die Saale-Galerie Malerei, Grafik und Collagen Mörstedts. Mit einer Ausstellung des Jubilars hatte die Galerie vor genau 15 Jahren ihre Arbeit aufgenommen. Vom 26. März bis 4. Mai folgt dann noch die Galerie Profil in Weimar mit Grafiken und Unikaten. Unter dem Titel "Die Verbeugung nach dem Salto mortale" erscheint bei der burgart-presse Rudolstadt ein originalgrafischer Pressendruck mit sechs handkolorierten Radierungen, einem Farbholzschnitt und Texten von Harald Gerlach, Annerose Kirchner, Dieter Koethe, Michael Wüstefeld und Matthias Biskupek, von denen wir einige mit freundlicher Genehmigung des Verlages vorab veröffentlichen. Der bibliophile Druck kostet in verschiedenen Ausgaben und in limitierter Auflage von 100 Exemplaren von 300 bis 530 Euro. Zugleich erscheint bei der burgart-presse eine zweibändige Ausgabe mit Texten Mörstedts "Wortmeldungen 1982-2003" und das Werkverzeichnis der Druckgrafik 1956-2004; beide Bände im Schuber mit eingelegter, vom Künstler handkolorierter Radierung in Auflage von 100 Exemplaren zu 100 Euro. Aus beiden Bänden entnahmen wir unsere Reproduktionen sowie Auszüge des Vorworts von Verleger Jens Henkel.

Mörstedt bittet, zur Gratulation auf Blumen zu verzichten - und wir wünschen dem Künstler baldige Genesung!