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03.07.2013

Das Vermächtnis einer eigenwilligen Dichterin

von Frank Quilitzsch TLZ

Hinterließ ihre unvollendeten deutsch-deutschen Erinnerungen: Weimarpreisträgerin Gisela Kraft (1936-2010). Foto: Peter Michaelis

Gisela Krafts deutsch-deutsche Erinnerungen "Mein Land, ein anderes" erscheinen nun doch

Weimar. Es war eine Grenzüberschreitung der besonderen Art: Im November 1984 siedelte die Schriftstellerin und promovierte Islam-Wissenschaftlerin Gisela Kraft von West- nach Ostberlin. Dahinter stand weniger eine politische Entscheidung. Der Schritt war vielmehr ihrer Rolle als Übersetzerin und Frau geschuldet. Weil sie es gewagt hatte, das Bedreddin-Epos von Nazim Hikmet ins Deutsche zu übertragen, wurde sie von türkischen linken Intellektuellen angefeindet. Der Ostberliner Aufbau-Verlag bot ihr eine Stelle als Übersetzerin an. Und hier war sie ihrem Lieblingsdichter Novalis näher. Davon und über ihre zwiespältigen Erfahrungen mit der DDR erzählt sie in ihren deutsch-deutschen Erinnerungen "Mein Land, ein anderes", die nun endlich, drei Jahre nach ihrem Tod, bei der Edition Azur, Dresden, veröffentlicht werden.

Die Arbeit an dem Manuskript hatte der schwer an Krebs erkrankten Weimarpreisträgerin bis zuletzt Halt gegeben. Den Text abzuschließen und veröffentlicht zu sehen, war ihr nicht mehr vergönnt. Gisela Kraft war im Januar 2010 im Alter von 73 Jahren gestorben.

Die autobiografischen Aufzeichnungen, die zur Frankfurter Buchmesse herauskommen, sind geprägt von ihrer Lust am Widerspruch, ihrem unerschütterlichen Glauben an gesellschaftliche Utopien, von persönlicher Konsequenz und einem Schuss Radikalität, wenn es um das ging, was ihr wichtig war.

Vor der Einreise wurde gefilmt

"Alles in Ordnung. Meine Habe hinten verstaut. Die Speditionsfirma, laut Werbung, auf Umzüge in die DDR spezialisiert. Papiere vollständig. Zum Westberliner Personalausweis nebst Visum die grüne Karte, ein postkartengroßes Ein- und Ausreisedokument, griffbereit. Unter Einreise das heutige Datum eingetragen."

So beginnt das Buch. Und weiter: "Trotzdem bin ich nervös. Das Zweite Deutsche Fernsehen hatte mich interviewt, wollte den Umzug möglichst originalgetreu filmen, sprich türken. Die Spediteure ließen sich nicht lumpen, fuhren vor. Das Kamerateam in Stellung. Ich stieg ein, mit Katzenkorb, darin statt Leila ein schwarzes Stofftier. Ich stieg wieder aus. Der Wagen fuhr zur Grenze, der Schlagbaum ging hoch. Das Kamerateam hinten im Liegendschießen. Dann Bremse, Rückwärtsgang, Vollgas heim in den Westen. Das war vorgestern. - Wenn jemand das Fahrzeug wiedererkennt?"

Gisela Kraft war in der DDR keine Opportunistin, und sie änderte auch nach dem Mauerfall ihre kritische Haltung nicht. Kurz: Sie war und blieb unbequem. Auch davon handeln die Erinnerungen, die seit Jahren unter Freunden kursierten.

Einige rieten vehement von einer Veröffentlichung des nicht bis zur Vollendung ausgefeilten, in manchem Fragment gebliebenen Manuskripts ab, auch aus Furcht, die in vielen Fragen nonkonforme, mitunter recht eigenwillige Sichtweise der Autorin könnte sie selbst und andere "beschädigen". Doch letztlich haben sich jene durchgesetzt, die für den Widerspruch als unverzichtbaren Bestandteil der Demokratie plädieren. Denn: Gisela Kraft wollte, dass ihr Text vollständig und ungeglättet gedruckt wird. Die Zeit sei "nun reif für eine Veröffentlichung", schrieben die Hüter des Nachlasses, Gisela Krafts Schwestern Reinhild und Almut.

Anekdotische und poetische Sprache

Die Erinnerungen sind in einer anekdotischen, teils poetischen Sprache verfasst, gespickt mit vielen humoristischen Details. Auch Gedichte und Tagebuchzeilen sind eingefügt. Die Autorin versteht es, den Leser mitzunehmen auf ihrer abenteuerlichen Lebensfahrt durch zwei Systeme. Bei der Einreise nach Ost-Berlin gab es 1984 Probleme mit den DDR-Grenzbeamten: "Meine grüne Karte ist es, die Stirnrunzeln hervorruft. ,Unvollständig ausgefüllt. ,Wieso? ,Die Ausreise fehlt. ,Ich reise nicht aus. Ich bleibe hier. ,Ohne Angabe der Ausreise ist das Dokument ungültig. ,Und wenn es keine Ausreise gibt? ,Sie müssen eintragen, wann Sie die DDR wieder verlassen. ,Ich weiß doch nicht, wann ich sterbe. Der Mann erbleicht. ,Sie kommen - zu uns?"

Das Buch endet mit einer Zugfahrt nach Weimar, am 25. März 1983, noch vor der Umsiedlung von West nach Ost. Manches ist nur skizziert. Weimar war ein vertrauter Kindheitsort, dort lebte die Oma. 1997 wählte Gisela Kraft in der Klassikstadt ihren Wohnsitz.

 

Die Autobiographie von Gisela Kraft erscheint im Herbst 2013.

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