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06.03.2010

Das Vergangene ändert sich täglich

von Martin Straub Ostthüringer Zeitung

 

Am 7. März 2010 wäre Harald Gerlach 70 Jahre alt geworden. Nun legt die NORA Verlagsgemeinschaft zur rechten Zeit in ihrer Reihe „Verlegtes wiedergefunden“ eine bemerkenswerte Anthologie aus dem Schaffen dieses so vielseitigen und eigenwilligen Poeten vor. Herausgegeben wurde die in drei Kapitel gegliederte Sammlung von Bettina Olbrich, der Frau des 2001 verstorbenen Dichters. In ihrer sensiblen Auswahl unter dem Titel „So ist alles gesagt“ sind kurze Prosa, Gedichte und Essays nicht chronologisch oder nach Genres geordnet, sondern einander ergänzend verschränkt. So entsteht vor dem Leser Gerlachs poetische Provinz, sein Welttheater im thüringischen Grabfeld zwischen den Gleichbergen. Hier schlägt er sein großes Thema an, das Erinnern. Er schreibt über die so genannten „kleinen Leute“, Querköpfe und Außenseiter, über historische Figuren, wie den Wiedertäufer Johannes Hut oder den Dichter Johann Christian Günther. Gerlach entwickelt eine vielstimmige Sprachlandschaft. Er verzichtet weder auf Sprichwörter, noch auf Mutterwitz, noch auf große verallgemeinernde Sentenzen. Und so tut er, wie es in einer Erzählung heißt, die Tür zu einer Welt auf, „von der wir kaum mehr wissen, als daß sie da ist und voller Geheimnisse“. Als literarischer Archäologe legt er ihre historischen Schichten frei. Aber er schreibt auch über seine Sehnsucht nach dem Mediterranen, wohl wissend, dass sein Landstrich ein historischer Durchgangsort war, der lang von einer widernatürlichen Grenze verschlossen wurde.

Nach 1989 hat es Gerlach und seine Familie nach Leimen verschlagen. Erinnern wird nun zu einer existenziellen Frage in einem Spannungsfeld zwischen Hoffnung und „vielfach enttäuschten Erwartungen“. Den im Band versammelten Essays und Gedichten merkt man die Sehnsucht nach Thüringen an. Man lese das den Band eröffnende Gedicht „Orte“ oder den Essay „Fortgesetzte Landnahme“. Sie alle kennzeichnet eines, das Aufbegehren gegen den Zeitgeist. Die Essays fassen all das noch einmal in einer artifiziellen und genauen Sprache. Am Ende des Bandes lesen wir die Inschrift, die der Dichter für seinen Grabstein in Römhild bestimmte.

 

„Zögernd in deine ländlichen Arme

nahmst du mich Landlosen endlich auf.

Frieden schenktest du mir.

Brot und Lieder. Und frühe Liebe.

Trieb es mich um-Schöne,

am Ende bleibst Du mir allein.“

 

Harald Gerlach: So ist alles gesagt.Hrsg. Bettina Olbrich, NORA Verlagsgemeinschaft 2010, 168 S., 15 €