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31.05.2003

Das Schöne zu bewahren ist wie das Ozonloch zu schließen

von Martin Straub TLZ

Reiner Kunze eröffnet die Thüringer Literatur- und Autorentage auf Burg Ranis


Kehrt mit einer Lesung in seine alte Heimat Thüringen zurück.

Herr Kunze, wir freuen uns, dass Sie am 13. Juni den Auftakt zu den Thüringer Literatur- und Autorentagen auf Burg Ranis geben. Ihre Lesung findet freilich nicht auf der Burg, sondern in der Kirche statt. Sie werden an diesem Abend von Reinhold Westerheide aus Utrecht auf der Gitarre begleitet. Kennen Sie eigentlich diese Thüringer Region? Und ob ich sie kenne! Wir waren keine Nesthocker.

Was für Gefühle bewegen Sie heute, wenn Sie nach Thüringen kommen, wenn Sie Landschaften und Städte wiedersehen, aus denen Sie 1977 vertrieben worden sind? Es sind auch die Landschaften unserer Freunde, mit denen uns, so sie nicht mehr leben, viel verband, und mit denen uns, so sie noch durch die Zeit stapfen, mehr verbindet als mit der Mehrheit der Menschen in Gegenden, die uns nie jemand unbewohnbar gemacht hat. Und wie überall in der Welt sind auch in Thüringen die Bäume nichts als Bäume - also das, "was vom Engel übrigblieb".

Wir wollen mit den Literaturtagen Freude am Lesen wecken, neugierig auf Bücher machen. Wie sind Sie zum Lesen gekommenen? Über das Hören. Bei fast allem, was meine Mutter zu Hause tat, hat sie gesungen, und bald konnte ich auch die strophenreichsten Volkslieder auswendig. Ich habe zuerst mit den Ohren gelesen. Auch, indem mir mein Großvater Geschichten aus der Bibel erzählte. Er hat mir nie vorgelesen, sondern erzählt, zum Beispiel beim Kühehüten. Sein Erzählen war für mich ein Vor-Leseerlebnis. Angesichts solcher Geschichten brannte ich darauf, endlich selbst lesen zu können.

In einem früheren Gespräch mit Ihnen fiel der Begriff "Lesekosmos". Wie kommt man zu so einem Kosmos? Mich als Kind durch eine elterliche Bibliothek hindurchzulesen, war mir nicht vergönnt. Als ich lesen gelernt hatte, schleppte ich an Lesbarem an, was mir in die Hände fiel, wovon das meiste jedoch - ich greife Ihren Begriff "Lesekosmos" auf - in die Kategorie "Schwarzes Loch" gehört haben dürfte. Aber es waren auch einige Sterne dabei, zum Beispiel Grimms Märchen, Leitsterne. Ein Stern gibt dann den anderen. Außerdem trifft man gelegentlich auf einen Lehrer, der einem den literarischen Kosmos nicht ein für allemal vernagelt, sondern einem hilft, sich an diesem Himmel zu orientieren.

Es gibt von Ihnen wunderschöne Gedichte und Geschichten für Kinder. Im übrigen weiß ich, wie gern sie auch von Erwachsenen gelesen werden. Gibt es für Sie überhaupt einen Unterschied beim Schreiben für Kinder und Erwachsene? Ja. Für Kinder zu schreiben heißt, sie auf die Tragik des Lebens vorzubereiten, ohne sie dabei traurig zu machen. Nichts ist schwieriger. Auch bei Erwachsenen darf ich kein falsches Bewusstsein erzeugen, aber ihnen kann ich, muss ich zumuten, was Kindern zuzumuten sich verbietet. Kinder müssen lachen können.

In Ihrem Lyrikband "ein tag auf dieser erde" steht ein Gedicht, das zu meinen Lieblingsgedichten gehört. Es ist mit "nachtmahl auf dem acker" überschrieben. Wie bewegt sich der Poet auf dieser Erde, dieser grimmigen und schönen Welt? Wohl jeder anders wie jeder andere Mensch auch. Aber eben auch anders als Menschen, die keine Dichter sind. Ich zitiere einen Vers von Odysseas Elytis: "Mein Gott wieviel Blau verschwendest du / damit wir dich nicht sehen." Das ist die Art, in der sich der Poet in dieser Welt bewegt. Das ist poetisches Denken. In ihm wendet sich das Banale ins Unerhörte. Diese Sicht auf die Dinge fügt der Welt nie dagewesene Vorstellungen von ihr hinzu. Der Dichter ist ein Seinsvermehrer und, wenn es hoch kommt, jemand, der die Welt ein ganz klein wenig "entgrimmt".

Um diesen Faden aufzugreifen: Ihr letztes Buch "Der Kuß der Koi" ist ein ja wirklich prachtvoller Band mit Texten und Fotografien von Ihnen. Ein Band voller Ruhe, voller schöner Bilder. Das ist in vielen Rezensionen zu Recht voller Bewunderung betont worden. Ist es aber nicht auch ein Buch der Abwehr und des Widerstands? Wenn Sie vier schon relativ späte Lebensjahre in ein Buch investieren - das Fotografieren der Fische vom Teichrand aus erforderte diese Zeit -, müssen dafür nachhaltige Gründe vorliegen. Ich sah plötzlich die Chance, etwas noch zu machen, das etwas Schönem galt, und da das überhaupt nicht in unsere Zeit passt, hat mich diese Möglichkeit doppelt fasziniert. Ein Roman meines polnischen Kollegen Adam Zagajewski heißt "In fremder Schönheit". Der deutsche Verlag, der die Übersetzung herausbringen wollte, ließ den Autor wissen, der Titel müsse geändert werden. Ein Buch mit dem Wort "Schönheit" im Titel lasse sich nicht mehr verkaufen. Hinter diesem Ansinnen verbirgt sich ein ideologisches Diktat der sechziger, siebziger Jahre mit verheerenden Folgen nicht nur im Bereich der Künste. Es lautet: Alles Schöne ist reaktionär. Das Schöne täuscht über den wahren Zustand der Gesellschaft hinweg und schwächt den Willen, sie radikal zu verändern. Witold Gombrowicz schreibt in seinen Tagebüchern, er fürchte "die Schönheit in diesem Jammertal". Ich behaupte, wir könnten ohne das Schöne nicht leben. Das Schöne zu bewahren und zu mehren ist ebenso progressiv wie das Ozonloch zu schließen.

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Lesekonzert mit Reiner Kunze und Reinhold Westerheide: Freitag, 13. Juni, 19.30 Uhr, Stadtkirche Ranis.

ZUR SACHE

Zum 13. Mal Thüringer Literatur- und Autorentage: Ostthüringen gab mit zahlreichen Lesungen den Auftakt, gestern folgte in Südthüringen die Meininger Autorennacht - u. a. mit Volker Braun, Josef Haslinger, Gregor Gysi und Feridun Zaimoglu -, und das Finale wird am 28. / 29. Juni Elke Erb bei den Limlingeröder Diskursen bestreiten. Höhepunkt aber sind, wie in jedem Jahr, zwei lange Juni-Wochenenden auf der Burg Ranis.

Vom 13. bis 15. und vom 20. bis 22. 6. bietet Thüringens einzigartige Literaturfeste ein umfangreiches Leseprogramm für die ganze Familie. Reiner Kunze zum Auftakt, Friedrich Schorlemmer und Bernd-Lutz Lange zum Abschluss; dazwischen sind zahlreiche Thüringer und auswärtige Autoren mit Kinderbuchlesungen, Krimi- und Märchenveranstaltungen zu erleben. Am letzten Tag stellt der noch amtierende Stadtschreiber von Ranis, Jochen Weeber, sein vor Ort entstandenes Manuskript vor, ehe die Jury über eine würdige Nachfolge entscheidet. Auch die Werkstatt für junge Leute "Sehen-Malen-Schreiben" findet wieder statt - vom 14. bis 17. August auf der Burg.

Die Literatur- und Autorentage werden vom Thüringer Lese-Zeichen e. V. und der Literarischen Gesellschaft Thüringen in enger Zusammenarbeit mit Kommunen, Bibliotheken und weiteren Literaturvereinen veranstaltet und vom Kunstministerium gefördert. Aber die jüngsten Kürzungen schmerzen und bringen eines der wichtigsten breitenkulturellen Ereignisse in Thüringen finanziell in arge Bedrängnis. Die 13. Literaturtage könnten in dieser Form nicht stattfinden ohne die Hilfe der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, der Stadtwerke Jena-Pößneck oder von GGP Media und den Sponsoren des Förderkreises.

Aus dem Programm

Freitag, 13. 6., Stadtkirche Ranis. 19.30 Uhr: Lesekonzert mit Reiner Kunze und Reinhold Westerheide (Gitarre).

Sonnabend, 14. 6., Burg Ranis. 15 Uhr: Ingrid Annel liest Kindergeschichten.

16 Uhr: Geert Müller-Gerbes liest aus seinem Kinderbuch "Opa, wer hat den Mond geklaut?".

17 Uhr: Bärbel Klässner und Thomas Spaniel lesen Lyrik und Prosa.

18 Uhr: Zirkusdirektor Paul Busch liest aus "Mein Leben ein Zirkus".

19.30 Uhr: Cornelia Schmalz-Jacobsen liest aus "Zwei Bäume in Jerusalem".

Sonntag, 15. 6., Burg Ranis. 15 Uhr: Andreas Müller liest aus "Seth der Rächer".

16 Uhr: Josef Hruby liest Gedichte.

17 Uhr: Ines Geipel liest aus "Das Heft" und Roman Grafe aus "Die Grenze".

18.30 Uhr: Sigrid Ramge liest Erzählungen aus "Das Lächeln der Steine".

20 Uhr: Lesekonzert mit Wladimir Kaminer, Andreas Gläser, Jakob Hein und Fish´n Jazz.

Freitag, 20. 6., Krimi-Nacht auf Burg Ranis. 18 Uhr: Burkhard Driest liest aus "Der rote Regen".

19.30 Uhr: Evelyn Holst liest aus "Verlangen".

Sonnabend, 21. 6., Burg Ranis. 14 Uhr: Sonnenwende auf der Burg - Familienfest mit Ausstellungen, Theater, Markt, Ritterspielen, Bogenschießen, Märchenerzähler Hansi von Märchenborn.

19 Uhr: Sommerkonzert.

21.30 Uhr: Sonnenwendfeuer auf dem Preißnitzberg.

Sonntag, 22. 6., Burg Ranis. 10 Uhr (Stadtkirche Ranis): Christoph Eisenhuth liest Lyrik.

11.30 Uhr: Stadtschreiber Jochen Weeber stellt sein Ranis-Buch vor.

12.30 Uhr: Bekanntgabe des neuen Stadtschreibers.

15 Uhr: Friedrich Schorlemmer liest aus "Die Bibel für Eilige".

16 Uhr: Kabarettist Edgar Külow liest aus "Ruhrpott-Willi erobert den Osten".

17 Uhr: Kabarettist Bernd-Lutz Lange liest aus "Mauer, Jeans und Prager Frühling" - im Anschluss Vernissage in der Galerie Westerheide.

@ Gesamtprogramm: www.lesezeichen-ev.de .