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05.07.2005

Das multikulturelle Volkstum

von Matthias Biskupek Thüringer Allgemeine

Friedfertig, tolerant, diszipliniert - das sind die häufigsten Vokabeln, um die Besucher des großen Rudolstädter Festivals zu charakterisieren. Das Fest selber ist mal das der Folkies und Weltmusikfreaks, mal steckt es voller englischer Wurzeln namens roots oder Mitlaut-häufungen wie tff.

Neuerdings schreibt man wieder Tanzfest, gut rudolstädtisch gesprochen: Danzfesd. So hieß es vor fünfzig Jahren. Das ist lang genug her, um heute zeitgemäß zu sein. Jeder Kenner weiß doch, das dieses Festival Europas größtes Treffen von Musik der mäßig kommerzialisierten Art ist - obwohl auch diesmal brave Pop-Sternchen jodeln, wie "global. kryner", in der ranschmeißerischen Programmheft-Prosa firmierend als ". . . Sound, bei dem alpine Jovialität mit ein paar kräftigen Spritzern karawankoider Melancholie versetzt wird - und das Publikum ist aus dem Häuschen".

Nee, isses nich, denn das Publikum ist zwar friedfertig usw. - aber dank 15 Jahren Weltmusik nicht doof.

Vor gut zwanzig Jahren begann beim Tanzfest alter Prägung die Zeit der Folkländer, Wacholder und Wenzel. Aufrührerische Auswanderer- und Deserteur-Lieder des 19. Jahrhunderts wurden zu finalen Songs der DDR-Kulturpolitik. Das Ungebärdige jener Zeit schallte 2005 über die Burgterrasse des Residenzschlosses beim in die Jahre gekommenen "Duo Sonnenschirm", etwa wenn der einstige polnische Friedensfreund Tadeusz, der in der Pionierrepublik am Werbellinsee den Sozialismus erforschte, jetzt auf Friedenswacht im Irak steht. Die früher gescholtenen Langhaarigen jubeln immer noch, das Haar jetzt grau und schütter.

Lange Zeit nämlich sprachen Medien davon, dass vor allem alte Rudolstädter nix vom "neien Danzfesd" hielten: Heute öffnen die alten, will sagen die fünfzigjährigen Rudolstädter ihre Gärten und Höfe für Konzerte und Besucher: bürgerlicher multikultureller Sinn wird öffentlich. Die aufregend schönen Frauen von vor zwanzig Jahren sind jetzt wunderschöne alte Frauen geworden und jene Rentner, die bis vor kurzem in Bochum oder München Sozialkunde lehrten, knüpfen sich für Rudolstadt noch einmal Freundschaftsketten ins Haar und bekämpfen ihren Hexenschuss bei der Polka.

Friedfertig, neugierig, offen: So erleben alte Europäer - wenn sie nicht ihrerseits Vorurteile pflegen - die US-Bürger, das multikulturelle Volk schlechthin. In Rudolstadt tanzt die Multikultur. Und genau das ist es, was eine oft blutjunge Klientel, in deren Deutsch gesprochen: ankotzt. Alle Klischees, die man gemeinhin Alten zuschreibt, sind aus blanken Kindsköpfen zu hören: Chaoten. Ungewaschene Lang-haarige. Negergebrüll. Baden ohne alles in der Saale. Soll´s doch regnen, da können sie sich im Schlamm wälzen.

Es sind nicht jene netten, komischen, friedlichen, kauzigen, in härenen Gewändern hüpfenden Jugendlichen des Tanzfes-tes, die so reden. Es sind aber nicht wenige. Solche aus, wie es hübsch heißt: bildungsfernen Schichten. Regelschüler, an-derswo als Hauptschüler firmierend, die im flachen Land und den Thüringer Städten "Feste der Völker" organisieren, deren Führungspersonal südöstlich von Rudolstadt eine Kneipe kaufen kann und im Norden des Landkreises Schulungsstätten schaffen will.

Mitten in Rudolstadts Fußgängerzone prangt eine Buchhand-lung mit zwei großen Schaufenstern für volkskundliche und ortsgeschichtliche Bücher - die "SS im Einsatz" und "Jagdgeschwader Mölders" müssen sich für drei Tage im Juli mit dem kleinen Fenster begnügen. Dann gehört ihnen wieder die Buchauslagenwelt.

In der neuesten Nummer der "Jungen Freiheit", in allen Rudolstädter Zeitungsläden zu haben, wird gleich in mehreren Artikeln mit der Ausländerpolitik der gegenwärtigen Bundesregierung abgerechnet. Wir lesen, dass das schlimmste Erbe der abgewirtschafteten rot-grünen Machthaber der Kniefall vor Multikulti ist. Wir sind also in einer Stadt, welche die abgewirtschaftete Hinterlassenschaft von Rot-Grün mit einem Riesenfestival hochhält. Kost´ unsre Knete, rüpeln die Bildungsfernen, aufgestachelt von den feinen Schriftleitern der Rechtsaußen-Stürmer.

Das multikulturell tanzende Publikum bleibt das, was es bislang immer blieb: friedfertig, offen, diszipliniert. Und die bis vor kurzem Sozialkunde in Bochum oder München Lehrenden sa-gen mit schwer erkämpfter Toleranz: Was wollt ihr denn, das ist bei uns nicht anders.

So ist sie nun mal, unsere Bundesrepublik.