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26.06.2004

Das Misch-Publikum

von Matthias Biskupek Ossietzky

Landauf, landab gibt es Lesefeste. Ranis, die winzige Burgstadt in Ostthüringen, fällt dennoch heraus. Alljährlich an zwei Juniwochenenden versammeln sich Oma, Mutti, Freak und Kind zu den ?Thüringer Literatur- und Autorentagen? unter freiem Himmel innerhalb ehrwürdiger Burgmauern. Nur bei Regen drängelt man sich in Kemenaten oder der Kirche des Ortes. Nun sind die Besucher, die auf Gartenstühlen ausharren und ab und zu ein Bier vom Faß und eine Wurst vom Grill naschen, wirklich meist Thüringer ? die Autoren aber kommen aus vielen europäischen Regionen. Denn alle, alle lasen hier schon ? Dichter wie Volker Braun, Feridun Zaimoglu und Elke Erb, Politiker wie Heiner Geißler, Gregor Gysi und Cornelia Schmalz-Jacobsen, Publizisten wie Christoph Dieckmann und Hellmuth Karasek, sonstige wie Harry Rowohlt, Stephan Krawczyk, Paul Maar, Friedrich Schorlemmer und Hansi vom Märchenborn. Damit es auch weiterhin Autoren gibt, wählt man in Ranis zudem alljährlich einen ? jungen ? Stadtschreiber. Diesmal heißt er Christopher Kölble, einundzwanzigjähriger Literaturstudent aus Leipzig.
Haben Autoren meist ihr Spezialpublikum ? auf Burg Ranis mischt es sich. Rock-Spezialist Frank Schäfer war einst sehr überrascht, als sich sein schwarzgewandetes Stammpublikum in der Menge der grauhaarigen Bürger, der weißhaarigen Kennerinnen und der ungekämmten Kinder verlor. Beim diesjährigen Ranis-Fest stellte Landolf Scherzer das von ihm herausgegebene Solidaritätsbuch ?Schwarze Weisheiten? vor und sagte dabei manche Wahrheit zur ausländerfeindlichen Politik einst und jetzt ? das sehr gemischte Publikum nahm alles mit Freude auf, obwohl auch Thüringen, wie jüngst bestätigt, gern eine alleinseligmachende, führende Partei zum Landesverweser wählt. Doch Schöngeistigkeit und Politik ? auf Ranis scheinen sie sich nicht zu fliehen. Die Politik müht sich, uns zu erklären, daß sich alles ?ausdifferenziert?, die Welt in Zukunft aus Spezialinteressen und Ich-AGs zusammengesetzt sein wird. Auf Ranis aber ist das Volk einfach nur Volk, das gemeinsam zuhört, nachdenkt, lacht und diskutiert. Die Literaturburg Ranis thront hoch oben ? aber offensichtlich nicht über den Köpfen.