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16.03.2016

Das Literaturland Thüringen auf der Buchmesse

von Frank Quilitzsch TLZ

Der in Gera geborene Lutz Seiler, Deutscher Buchpreisträger 2015, vor der „Großen Verführungsgruppe“ des Bildhauers Volkmar Kühn im Thüringer Kloster Mildenfurth. Foto: Harald Wenzel-Orf

25 Autoren schreiben in einer Anthologie über ihr Verhältnis zu Landschaft und Geschichte. Wir haben mit dem Herausgeber Jens-Fietje Dwars gesprochen.

Jena. „Thüringer Stimmen“ heißt ein repräsentativer Band, der zur Leipziger Buchmesse erscheint. Darin erzählen 25 bekannte Autoren, was sie mit dem Land verbindet, warum sie in Thüringen leben und wie Geschichte und Landschaft ihr Schaffen prägen. Wir sprachen mit dem Herausgeber Jens-Fietje Dwars vom quartus-Verlag Bucha bei Jena.

Thüringen wird gemeinhin als Land der toten Dichter verehrt. Wie präsent sind die lebenden? Es gibt eine Internetseite, die heißt „Literaturland Thüringen“, da sind etwa 300 Gegenwartsautoren verzeichnet. Das ist eine Menge?...
...?die aber noch nichts über die Qualität sagt.
Die Frage, wen man aufnimmt, ist für den Herausgeber immer ein Wagnis. Für uns war ein Kriterium, ob der Autor ein Werk hat. Also ob er nicht nur ein Buch veröffentlicht, das er vielleicht auch noch selber bezahlt hat, sondern tatsächlich mehrere Bücher geschrieben hat, die vielleicht auch noch um ein Thema kreisen, und wo man sagen kann: Da ist oder entsteht ein Werk. Erst an zweiter Stelle haben wir nach den Ehrungen und Preisen geschaut, die sie bekommen haben. Haben die Autoren die Aufmerksamkeit der Kritiker gefunden? Werden sie überregional wahrgenommen?
Die Texte folgen einem Anliegen, das Sie an die Autoren herangetragen haben. Wie würden Sie es formulieren? Wir haben danach gefragt, was sie mit Thüringen verbindet, warum sie hier leben und inwiefern der Ort ihr Schreiben prägt. Man könnte sagen, es ist die Spiegelung Thüringens in seinen Dichtern. Mit anderen Worten: Die Autoren porträtieren ihr Land und damit auch sich selbst. Und drittens werden sie noch von Harald Wenzel-Orf, dem Weimarer Fotografen, porträtiert, der sie jeweils an ihrem Arbeitsplatz und an einem Ort ihrer Wahl abgelichtet hat.
An einem Ort, zu dem sie eine besondere Beziehung haben? Ganz genau. Interessanterweise sind das keine touristischen Highlights wie etwa die Wartburg oder das Goethe-Gartenhaus, sondern eher abgelegene Plätze. Bei der Erfurterin Nancy Hünger ist das beispielsweise der Biergarten eines Cafés, in dem sie in den Sommermonaten gern sitzt und schreibt. Oder Hubert Schirneck verweilt in Weimar am Theaterplatz und schildert, was ihm da begegnet. Andere ziehen sich tief in die Landschaft zurück, Daniela Danz in die Grassteppe bei Kranichfeld, oder Wulf Kirsten besteigt den Ettersberg, über dessen unrühmliche Geschichte er ja auch ein Buch geschrieben hat.
Sergej Lochthofen steht vor dem Naturkundemuseum in Gotha bei den steinernen Löwen und erzählt eine Episode aus seiner Kindheit. Das ist ein Ort, der ihm früh eine Brücke gebaut hat von der Gulag-Stadt Workuta, wo er geboren wurde, in das für ihn fremde Land DDR, das ihn dann prägte.
Da wir gerade bei Gotha sind: Warum fehlt Sigrid Damm?
Wir hatten sie mit eingeladen, doch sie war in Zeitnot und bat uns, auf ihren Beitrag zu verzichten.
Und Gabriele Stötzer? Sie hat in Erfurt im Stasi-Gefängnis gesessen und eine eher zwiespältige Beziehung zu dieser Stadt. Sicher hätte auch sie mit in den Band gehört, wie noch Dutzende andere, die in Thüringen geboren wurden, aber mittlerweile anderswo leben. Es gab keine Ausschlusskriterien, aber irgendwann mussten wir einen Schlussstrich ziehen.
Zu jenen, die Thüringen freiwillig verlassen haben, gehören die Deutschen Buchpreisträger Kathrin Schmidt und Lutz Seiler, die erst außerhalb der Landesgrenzen zu Lorbeeren kamen.
Ja, aber sie haben auch schon früh zu schreiben begonnen. Gerade diese beiden haben die Frage, wie sie von Thüringen geprägt wurden, mit Vehemenz aufgegriffen. Lutz Seiler erzählt von den müden Dörfern der Wismut, und dass, wie er später erfuhr, auch überall dort, wo die Navajo-Indianer Nordamerikas ihre heiligen Bilder aus Sand, gemahlenem Mais und zerstoßenen Blüten legten, Uranerz abgebaut worden ist. Die Indianer machten heilige Stätten daraus. Lutz Seiler macht daraus Gedichte.
Und die Gothaerin Kathrin Schmidt?
Sie erzählt von den Sprachräumen, in denen sie aufgewachsen ist, und von „Sprachblasen“, in denen man sich fortbewegt, die dann aneinanderstoßen und etwas Neues entzünden.
Zeigen sich in den Texten Generationsunterschiede? Die jüngeren Autoren sind heute vielleicht viel zu sehr in der Welt zuhause, als dass sie sich an eine Region binden wollen. Entwickeln sie Heimatgefühl?
Es mag sein, dass die Jüngeren „global“ aufwachsen und mit einem weiteren Horizont durchs Leben gehen, während die Älteren, aus den engen Räumen der DDR kommend, intensiver verwurzelt sind. Die älteren Autoren nehmen die Frage ernst und sprechen tatsächlich stärker von ihren Prägungen durch die Landschaft. Aber zu den Jüngeren darf man auch noch Nancy Hünger zählen, die beschreibt, wie sie in dem Hügelland groß wird und die Sanftheit der Landschaft auf ihr Schaffen abfärbt. Eine Landschaft, die nichts Schroffes, nichts Bedrohliches hat. Natürlich gibt es auch das Abgründige und Widersprüchliche, wie in jedem anderen Land. Für die Jüngeren ist es aber auch eher ein Durchreise-Land, ein „Bahnhof“, auf dem man mal kurz aussteigt, sich umschaut und eventuell bleibt oder weiterfährt, wie Stefan Petermann schreibt.
Das klingt nach einer vielstimmigen Bestandsaufnahme.
Solche Bücher, die eine literarische Landschaft abbilden, werden vielleicht alle 25 oder 50 Jahre einmal gemacht. Und man würde schon gerne wissen, wie die Leser in 50 Jahren sie deuten werden. Wenn wir 50 Jahre zurückschauen, stoßen wir auf Anthologien mit Schriftstellern der Bezirke Gera, Erfurt und Suhl, und wundern uns, wer damals für wichtig erachtet wurde.
Sanfte Hügel, schön und gut – aber woran reiben sich Thüringer Autoren?
Man lebt hier anders als in den Metropolen Leipzig oder Berlin. Was ich in Thüringen stark vermisse: Es gibt hier keine lebendige Streitkultur. Klar, über die Theater- und Orchesterlandschaft wird zurzeit heftig gestritten. Aber da sind die Autoren nur marginal beteiligt. Das spürt man auch in diesem Buch. Matthias Biskupek hat das so formuliert: Er möchte diesem Land immer wieder über den Kopf streichen, aber manchmal ist es ihm auch zu putzig. Es brodelt nicht.
Warum wurden die Personen- und Landschaftsporträts in Schwarz-Weiß gedruckt?
Weil wir, der Fotograf Harald Wenzel-Orf und ich, finden, dass die klassische Schwarz-Weiß-Fotografie eine ganz andere Kraft hat. Sie reduziert und fokussiert auf das Wesentliche. Zur Sache: Für unser Land

  • Das Buch:Thüringer Stimmen – Porträts und Texte von fünfundzwanzig Autoren mit Fotografien von Harald Wenzel-Orf, quartus-Verlag, Bucha bei Jena, 151 S., 19.90 Euro;
  • Die Autoren: Antje Babendererde, Matthias Biskupek, Daniela Danz, Hans-Jürgen Döring, Kathrin Groß-Striffler, Wolfgang Haak, Nancy Hünger, Annerose Kirchner, Wulf Kirsten, Bärbel Klässner, Sergej Lochthofen, Steffen Mensching, Peter Neumann, Stefan Petermann, Frank Quilitzsch, Lutz Rathenow, Jan Volker Röhnert, Christian Rosenau, Landolf Scherzer, Hubert Schirneck, Kathrin Schmidt, Christoph Schmitz-Scholemann, Lutz Seiler, Thomas Spaniel, Horst Wiegand;
  • Der Herausgeber:Jens-Fietje Dwars (geb. 1960) ist promovierter Philosoph, freier Autor, Buchgestalter, Film- und Ausstellungsmacher;
  • Der Fotograf:Harald Wenzel-Orf (geb. 1944) ist Diplomlehrer und freiberuflich als Fotograf tätig.