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11.05.2015

„Das Licht auf der Mauer“: André Schinkel zwischen Alltag und Fantastik

von Dietmar Ebert TLZ

André Schinkel erzählt lakonisch und erzielt durch eine Art „Kontrapunkt“ zwischen biografischer und politischer Geschichte in der Zwischenzeit von „immer noch“ und „noch nicht“ eine Sprache, aus der die großen Geschichten geformt sind. Archivfoto: Marco Kneise

Der Hallenser Dichter André Schinkel gehört zu den produktivsten Autoren im mitteldeutschen Kulturraum. Mit Thüringen ist er eng verbunden. Sein neuestes Werk „Das Licht auf der Mauer“ überschreitet die „äußere Wirklichkeit“ und changiert zwischen Alltag und Fantastik.

Der Hallenser Dichter André Schinkel gehört zu den produktivsten Autoren im mitteldeutschen Kulturraum. Mit Thüringen ist er eng verbunden. In den Jahren 2006/07 war er Stadtschreiber in Ranis und erwarb sich mit dem Band „Unwetterwarnung“ (2007) die Sympathie der Raniser. Sein 2012 in der Edition Ornament erschienener Band „Parlando“ vereint Lyrik und lyrische Prosa. Im Sommer und Herbst 2014 weilte André Schinkel als Jenaer Stadtschreiber in der „Villa Rosenthal“. Hier entstanden nicht nur seine berührenden Texte „Aus dem Jenaer Brouillon“, die im „Palmbaum“ 1/2015 veröffentlicht wurden, sondern hier fand er die Ruhe und Inspiration, um 28 Texte aus mehr als 20 Jahren zu bündeln und eine Komposition seiner Texte zu entwerfen, die von einem großen Spannungsbogen getragen wird.

Es hat sich gelohnt zu warten, denn die im Band „Das Licht auf der Mauer“ versammelten Texte korrespondieren. Zweierlei ist ihnen allen gemeinsam, sie überschreiten die „äußere Wirklichkeit“, changieren zwischen Alltag und Fantastik, und sie geben der geschundenen Landschaft zwischen Bad Düben und Bitterfeld ihre Würde zurück. Sie lassen den Menschen in der sachsen-anhaltinischen Indus­trieregion Gerechtigkeit widerfahren, wie in der Erzählung „Verwunschener Ort“, in dem die Gegend um Bitterfeld zum Ort poetischer Welterkundung wird.

Das erinnert an Schinkels großes literarisches Vorbild Wolfgang Hilbig. Doch André Schinkels literarisches Spektrum ist eigenständig und breit gefächert. Es reicht von kleinen Prosastücken wie „Ein Marabu“, „Eine Taube“ und „Legende“ über Stimmungsbilder wie „Auf dem Robinien- und Fliederplateau“ bis hin zu den Kriminalerzählungen „Heldenbank“ und „Das Licht auf der Mauer“. Doch damit nicht genug: Mit „Mantikor“ und „Minotaurus“, „Lichtmonolog“ und „Das Sommerloch“ gelingen ihm drei ironisch gebrochene Gegenwartsfantasien, mit „Fügung“ eine poetische Spiegelung jenes Tages, an dem seine Zwillingstöchter geboren wurden, und mit „Unter den Sternen“ ein zart-lyrischer Prosatext.

Ihnen gegenüber stehen drei lyrisch getönte Nachtstücke voll ungeheurer sprachlicher Kraft. Wie metaphernreich, mit breitem Pinselstrich André Schinkel nächtliche Ängste und Alpträume ins Bild gesetzt hat, das besitzt Seltenheitswert in der deutschen Gegenwartsliteratur.

Bereits die erste Erzählung des Bandes über ein Schriftstellergelage in der Stadt Goethes und Schillers lebt von ihrer Doppelbödigkeit. Im Rausch glaubt der Erzähler die beiden Fabelwesen Mantikor und Minotaurus zu erkennen, die von ihrem Platz am nördlichen Stadttor herab gestiegen und die heimlichen Gastgeber des Gelages sind. Er spricht sie an, wird an die frische Luft gesetzt und verwarnt, jedoch seltsamerweise nicht zerrissen und gefressen. Am nächsten Morgen, nachdem der Erzähler seinen Rausch ausgeschlafen hat, ist der ganze Spuk vorbei. Oder doch nicht?

Konnte André Schinkel in dieser Erzählung aus seinen Erfahrungen als Schriftsteller und seinen Kenntnissen als studierter Archäologe schöpfen, so kamen ihm beim Schreiben der Titelerzählung „Das Licht auf der Mauer“ seine Erfahrungen als gelernter Rinderzüchter zugute. Erzählt wird die Geschichte eines jungen Mannes, der eben an jenem Tag, als in Leipzig die Demonstration auf dem Innenstadtring friedlich verläuft, tot in der Gülle gefunden wird. Ein Unfall war es nicht, es war Mord.

Schinkel erzählt lakonisch und erzielt durch eine Art „Kontrapunkt“ zwischen biografischer und politischer Geschichte in der Zwischenzeit von „immer noch“ und „noch nicht“ eine Sprache, aus der die großen Geschichten geformt sind.

André Schinkel: Das Licht auf der Mauer. Mitteldeutscher Verlag, Halle, 160 S., 12.95 Euro