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03.11.2004

Das hohe Lied der Schwarzenberger

von Frank Quilitzsch TLZ

Jena/Erfurt. (tlz) "Stöcklow Amand stand verloren auf der Bühne und hatte kein Textbuch zur Hand. Sie waren Dilettanten, zum Glück vor keem Publikum, und kein Applaus war zu ernten ..."

Rhythmisch, mit Genuss an der Sprache, liest, nein, trägt Volker Braun vor; die linke Hand auf das Manuskript gelegt, mit der rechten Sätze - im Dialekt gesprochen - unterstreichend. Vor ihm liegt, unbeachtet fast, das gedruckte Buch. Der Dichter lässt vom Stapel. Blatt um Blatt werden die losen Seiten angehoben und umgestapelt, manchmal auch zwei, drei übersprungen: "Die marodierenden Soldaten lass ich mal aus ..." Um fortzufahren im warmen, leicht sächselnden Ton: "Alle dienten sich an, um sich zu bescheißen. Es war, als hätte er, Irmisch, einen Hebel umgelegt, und das lief in dem andern System. Es war umgeschaltet, aber nicht verwandelt."

Es sind Sätze wie diese, die das Vergangene zum Gleichnis öffnen und das Publikum im Saal aufhorchen lassen. Braun liest - am Montag in Jena, am Dienstag in Erfurt - "Das unbesetzte Gebiet", seine Version von Schwarzenberg, das sich zum Kriegsende ´45 selbst bei der Hand nahm. Episoden aus einer kurzen, "herrschaftslosen Zeit", genauestens recherchiert und lustvoll in Szene gesetzt. Die Auditorien sind brechend voll besetzt, vor der Jenaer Abbe-Bücherei müssen Leute vertröstet werden.

Warum er das Thema, das vor ihm schon Stefan Heym in einem Roman verarbeitete, nun seinerseits aufgreife? Er sei fasziniert vom Engagement der Erzgebirgler, von ihrem "unverschämten Beginnen". Der Moment, ein utopischer, meint er, sei es "wert, in seiner eigenen Größe gezeigt zu werden, ohne dass der Autor mit seinen Erfindungen dazwischen kommt". Es gebe nichts zu klittern, nichts zu heroisieren: "Der niedrige Verlauf macht das hohe Lied."

Ein typischer, sympatischer, witziger Braun, der auf das Stichwort "Verpflegung" die Wasserflasche öffnet und - "Sie mussten wie Helden trinken" - einen tiefen Schluck nimmt. Ja, er habe auch vor den Schwarzenbergern gelesen, kürzlich, und nicht nur Beifall geerntet. "Die Leute erinnern sehr Verschiedenes", sagt Braun. "Für die einen war es eine schlimme Zeit, und das Bittere, das sie zu erzählen haben, bleibt abstrakt. Die anderen haben das Geschehene weitgehend vergessen oder verdrängt."

Dennoch, er habe nichts erfunden, schwört Braun, nur Quellen ausgewertet und Material gesichtet - "in seiner Elendigkeit und Komik". "Das Geschehen selber war das alles: eine schlimme Zeit, eine bewegte Zeit und eine, die schwanger ging ... Vielleicht mußte das Notwendigste mit dem Möglichsten bekannt gemacht werden." Ein Satz, der ins Schwarze trifft.