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09.04.2016

Das "große Wehn" zu Dirk von Petersdorffs Gedicht: "Von Jena"

von Martin Straub Thüringer Allgemeine

 

 

Dirk von Petersdorff 

Von Jena

hoch zur Ebene, ins große Wehn

der Gräser, Heben, Sinken, immerzu,

die Russenpanzerrampe ließ man stehn,

»und diese Orchidee heißt Frauenschuh«.

Aus Truppenübungsplatz jetzt Biotop,

die helle Gräserinnenseite, Wind ?

auch niemals wissen, was uns zog und schob,

so wie Erkennungstakte, Song beginnt,

zum Tanzflur schnell im losen, weißen Hemd,

im Sog, wir Gräser, die vom Wind gekämmt.

 

aus: Sirenenpop, München 2014.

 

 

Martin Straub

Das  „große Wehn“

 „hoch zur Ebene, ins große Wehn“, mit diesem Aufruf beginnt Dirk von Petersdorffs Gedicht. Als wolle er den Leser auffordern, mitzukommen, um über jenes 363 Meter hohe Plateau zu eilen, auf  dem der Napoleonstein steht. Hier war der Ausgangspunkt der Schlacht bei Jena und Auerstedt. Fortan wurde dieses Gelände immer wieder  militärisch genutzt. Nun ist es zur Ruhe gekommen und gibt einen weiten Ausblick auf die Stadt im Tal. Erstaunlich, wie Petersdorff auf engem Raum des im Grunde zweistrophigen Gedichts mit seinem abschließenden Zweizeiler das Charakteristische dieser Landschaft im Wechsel ihrer Historie ins Bild bringt.

Nein, es ist kein Gras über die Geschichte gewachsen. Da ragen Wortungetüme aus der Idylle: „Russenpanzerrampe“ und „Truppenübungsplatz“. Doch in enger Nachbarschaft, sogar eine einzelne Stimme wird laut, steht der Natur geschützte „Frauenschuh“, die viel bewunderte Orchidee. Beobachtungen und Verständigung gleichsam im Vorübergehen.

Dieses Gedicht lebt von der Bewegung. Immer geht da ein Wind, der die karge Graslandschaft bewegt. Petersdorff scheut sich nicht, mit einer ganz traditionellen Formsprache eine friedliche Landnahme ins Bild zu bringen. Ein liedhaftes Gedicht kommt uns da entgegen  mit seinen Kreuzreimen und jambischen Versen, die mit  einem Reimpaar enden.

Die assoziationsreiche Verwendung der Gras-Metapher gibt zudem einen ernsten Unterton. Vom „große(n) Wehn“ ist da die Rede. Am Ende heißt es: „wir Gräser, die vom Wind gekämmt“ und zuvor wird bedeutet: „auch niemals wissen, was uns zog und schob“. Kommt damit nicht ein Lebensgesetz mit seinem Verhältnis von Dauer, Veränderung und Endlichkeit in den Blick?

„Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da... “, heißt es im Psalm 103, 15,16, an die Vergänglichkeit mahnend. Der Ernst wird in der Leichtigkeit dieses Tages aufgehoben. Mit dem Verweis auf das Ziel der Wanderung über die Hochebene, den „Tanzflur“, endet das Gedicht.

Dr. Martin Straub, Jahrgang 1943, ist Germanist, Literaturvermittler und -förderer. Seit 2007 ist er Ehrenvorsitzender des von ihm mitgegründeten Lese-Zeichen e.V. Er lebt in Jena.

 

Biographische Angaben

Prof. Dr. Dirk von Petersdorff, geboren 1966, studierte Germanistik und Geschichte in Kiel und lehrt als Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Jena. Neben seinen wissenschaftlichen Publikationen legte er mehrere Gedichtbände vor; zuletzt erschien 2014 der Band „Sirenenpop“ im Münchner C.H. Beck Verlag.