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02.09.2011

Das Eigentliche nebenbei: Annerose Kirchner wird 60

von Angelika Bohn Ostthüringer Zeitung

Annerose Kirchner, Autorin aus Gera, feiert am 2. September ihren 60. Geburtstag. Foto: Martin Gerlach

Die Dichterin und Autorin Annerose Kirchner feiert heute am 2. September ihren 60. Geburtstag. Seit sie vor einem halben Leben nach Gera zog, haben sie Ostthüringen und die Ostthüringer fasziniert. Frauen und Männern, die Dix heißen, ist sie im Moment auf der Spur. Doch interessiert sie sich nicht in erster Linie für den Maler mit dem Vornamen Otto, dessen 120. Geburtstag Anfang Dezember die Kunstwelt feiert. Annerose Kirchner interessiert sich für Menschen in Gera und Umgebung und die Frage, wie sie mit diesem berühmten Nachnamen leben.

Das aktuelle Reportage-Projekt ist ein bisschen Schuld, dass die Lyrikerin nicht mit dem Gedichtband fertig geworden ist, den sie sich zum 60. Geburtstag schenken wollte. Zwar war sie in letzter Zeit in vielen neuen Anthologien vertreten, aber die Erscheinungsjahre ihrer Lyrikbände 1991, 2001 zeigen, sie erblickten die letzten Jahrzehnte synchron mit den runden Geburtstagen der Dichterin das Licht der Öffentlichkeit. 2011 nun also nicht.

Erscheinen werden die neuen Gedichte erst im kommenden Jahr. Was einerseits mit den Menschen, die Dix heißen, und ihrer Arbeit als Autorin auch für diese Zeitung zu tun hat. Vor allem aber ist die unterbrochene Kontinuität der unerbittlichen Strenge geschuldet, mit der Annerose Kirchner ihre Gedichte prüft und reifen lässt. Sie gehört nicht zu den Menschen, die mit dem Alter nachsichtig gegen sich und argwöhnisch anderen gegenüber werden. Zudem ist Lyrik, für fast jeden Künstler, der sich für diese Form entscheidet, eine Berufung, von der er oder sie nicht leben kann.

Dass sie Gedichte nicht ausschließlich, aber vor allem Gedichte schreiben wollte, wusste schon die Vierzehnjährige im Thüringer-Wald-Städtchen Zella-Mehlis, als sie lesend den Rhythmus der Sprache entdeckte und von der Tatsache verzaubert war, dass sich in einem Vers wie in einem Wassertropfen eine ganze Welt spiegeln kann. Wer Annerose Kirchner einmal erlebt hat, wenn sie ihre Gedichte vorträgt, so konzentriert und ganz bei sich, erfährt etwas von der magischen, den Menschen erhellenden Potenz von Lyrik, von der Leidenschaft und Erfüllung, die erfährt, wer sich von ihrem Rhythmus berühren ließ.

Es ist der Weimarer Dichter Wulf Kirsten, der das Talent der jungen Frau entdeckt, die inzwischen Steno-Phonotypistin gelernt hat und beim "Freien Wort" in Suhl arbeitet. Wulf Kirsten wird ihr Mentor und bleibt es bis heute. Im Schreibbüro will sie nicht versauern, und der Weg aus der Enge der Thüringer Wälder führt sie erst einmal zurück in ihre Geburtsstadt Leipzig ans Literaturinstitut.

Nach dem Studium entscheidet sie sich für Gera. Es sind die Geschichte und das geheimnisumwitterte Treiben der Wismut, die die Stadt für sie attraktiv macht, die Wohnung im vernachlässigten Altbau, und der Brotjob am Theater die man ihr hier bietet. Mehr als die Hälfte ihres Lebens lebt Annerose Kirchner nun in Ostthüringen. Die längste Zeit davon als freie Autorin, die zu ihrer eigentlichen Berufung nur nebenbei kommt. Auf mehr als vier Richtige habe sie es leider nie gebracht. Und das, obwohl sie doch ein Sonntagskind ist... Andererseits, was würde aus den hundert Ideen, die sie noch im Kopf hat... Außerdem, den Lebensunterhalt mit Bücherlesen und darüber schreiben verdienen, hat noch kaum einen dümmer gemacht.