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16.06.2005

Das Blaue vom Himmel ins Positive umkehren

von Marius Koity Ostthüringer Zeitung

Neustädter Helge Pfannenschmidt bringt in Jena Lyrik-Edition heraus

Von OTZ-Redakteur Marius Koity Pößneck/Neustadt. Lyrik zu verlegen und zu verkaufen, ist ein schwieriges Geschäft. Verlage winken mitunter ab, noch bevor sie die Manuskripte kennen. Gute Bände finden nicht immer die Leser, die sie verdienen. So ist Lyrik quasi etwas für Träumer, für das Blaue vom Himmel.

Das Blaue vom Himmel ist für Helge Pfannenschmidt Programm. Der Neustädter hat im Frühjahr dieses Jahres im Jenaer Glaux Verlag die Lyrik-Edition Azur eingeführt. Die Vorwürfe eines unhaltbaren Versprechens, einer Lüge oder der Belanglosigkeit, die die Redewendungen über den Azur in sich tragen, kehrt er um. "Aus dem Anklagepunkt wird ein Anspruch", lautet die Linie des 30-Jährigen, der als freier Lektor in Jena und in Dresden lebt.

"Ich hatte Lust, Literatur zu verlegen", sagt Pfannenschmidt über seine Anfänge als Herausgeber. Es nervt ihn gewissermaßen, dass große Verlage "oft zu träge reagieren", wenn junge Talente bei ihnen anklopfen oder sich neue literarische Strömungen abzeichnen. Mit seiner neuen Leidenschaft, der Edition Azur, will er nun Autoren fördern, die es wert sind.

Eine "Sehnsucht nach einer anderen Wahrnehmung" sollen die Bücher, die er herausgibt, verspüren lassen. Seine Reihe verstehe sich als "Podium für Autoren, die sich der Gegenwart an die Fersen heften, ohne ihr auf den Leim zu gehen", so Pfannenschmidt. Lyrischen Experimenten will er das Labor bieten.

Der erste Band der Edition Azur, das Gedicht "Die Hingabe, endloser Kokon" des 29-jährigen Jan Volker Röhnert, wird dem hohen Anspruch gerecht. "Seine Gedichte machen Front gegen das allzu Geläufige, Beliebige, bloß Dekorative", lobte kein Geringerer als der Dichter Wulf Kirsten vor zwei Jahren, als Röhnert für seinen Band "Burgruinenblues" (Edition Muschelkalk, Wartburg Verlag Weimar, 2003) mit dem Lyrikdebütpreis des Literarischen Colloquiums Berlin ausgezeichnet wurde. Mit Röhnert, der in Gera geboren wurde und in Jena lebt, sei ihm "die bestmögliche Eröffnung der Reihe" gelungen, freute sich Pfannenschmidt vergangenen Samstag, als er im Rahmen des Pößnecker Hoffestes die Edition Azur erstmals im Orlatal vorstellte.

"Lyrik lebt von Buchhändlern, die ihren Kunden etwas ans Herz legen", weiß Pfannenschmidt. Es gibt offensichtlich noch genügend Buchhändler mit Herzblut, denn der Neustädter ist sehr zuversichtlich, seine Idee etablieren zu können. Zwei bis drei Bände sollen pro Jahr erscheinen, auf zehn ist die Edition Azur zunächst angelegt. Auf dieses Ziel läuft auch die Umschlaggestaltung der orangeblauen Bücher hinaus, für die der Grafiker Andreas Berner aus Wurzbach verantwortlich zeichnet.

Pfannenschmidt bringt aber nicht nur Lyrik heraus. So hat er in einem schmalen Heft unter dem Titel "Verdiente Ungerechtigkeiten" 101 Aphorismen des 27-jährigen gebürtigen Karl-Marx-Städters und Wahl-Dresdeners Tobias Grüterich zusammengefasst. Eine Kostprobe: "In der Deutlichkeit geht vieles unter." Eine weitere Miniatur: "Ein Sklave nutzt jede freie Minute."

Röhnert, Grüterich und weitere Talente sind am 26. Juni ab 10.30 Uhr bei einem "Frühschoppen mit junger Literatur" auf der Burg in Ranis zu erleben. Die Veranstaltung der diesjährigen Thüringer Literatur- und Autorentage wird Pfannenschmidt moderieren. Das Blaue vom Himmel ist die Einladung zu dieser Veranstaltung nicht.