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19.03.2005

Dann anders in die Welt gucken

von Martin Stridde TLZ

Lesezeichen-Vereinsvorsitzender Martin Straub erinnert an das Paris-Fragment

Jena. (tlz) Bitte, keine Missverständnisse! Der rührige Jenaer Lese-Zeichen e.V. zeichnet sich weniger aus durch "gezielte Schillerpflegearbeit", fühlt sich stark den Autoren der Gegenwart und des 20. Jahrhunderts verpflichtet, wie Vereinsvorsitzender Martin Straub betont. Natürlich sei es Herzenssache gewesen, Harald Gerlach posthum zu ehren, indem man dessen Schillerbiographie auch im Schillergartenhaus präsentierte. Und natürlich gebe es da ein Schillerprojekt in der Nachbarstadt Weimar - innerhalb der "Herbstlese"-Reihe mit Autoren von Volker Braun bis Friedrich Dieckmann. Noch mehr jedoch, sagt Martin Straub, interessiere ihn der Schiller von der Vermittlung her - "der Raum, den eigenen Schiller zu entdecken". So betrachte er den Jenaer Rapper Christian Weirich schon als Glücksfall, wie der ohne große Vorkenntnisse beim Mix seiner eigenen Musik mit Schillerlyrik merkte:
Mensch, das sind doch meine aktuellen Befindlichkeiten!
Er selbst, sagt Martin Straub, sei immer mehr auf den Theatermann und Balladendichter
Schiller fixiert gewesen. Er erinnere sich an Balladenabende mit Schauspielern des Deutschen Theaters. "Da bin ich hingefahren und habe immer mit Hochgenuss gelauscht." Auch bewundere er Schillers Haltung, "wie der sich immer wieder aus dem elenden Leben rausgearbeitet hat". Aber die Lyrik? Die habe er erst durch den Kontakt mit Weirich wieder neu gelesen. "An diese Episode 'Weirich' werde ich noch lange denken."

Hellsichtiger Vorgriff

Wie kann man einen Dichter in Dienst nehmen ? Diese Frage beschäftigt den Literaturwissenschaftler Straub besonders, seit er sich jüngst mit Dieter Kühns Werk "Schillers Schreibtisch in Buchenwald" intensiv beschäftigt hat (TLZ- Treffpunkt, 12.
März). Kann sich ein Land mit seiner Geschichte hinter seinen Klassikern verstecken?
Zum Vereinsselbstverständnis gehört es, dass ein Dichterjubiläum an sich nicht überbewertet wird. "Die Jubiläen kommen und gehen.
Aber die Leute, die Schiller neu lesen, über ihn anders in die Welt gucken, behalten einen Gewinn für sich." Besondere Zugangsempfehlungen?
Martin Straub mag keine Rezepte ausstellen. Aber: Wie wär es einmal mit Schillers Paris-Fragment - einem Gemälde von Polizei unter Ludwig XIV.? Was für ein hellsichtiger Vorgriff aufs 20. Jahrhundert!, sagt Martin Straub. Mit Orwells ,,1984" könne man das vielleicht gut zusammenstellen. "Aber vorher nichts sagen!"