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07.09.2009

Danksagung eines ewig Unbequemen

von Frank Quilitzsch TLZ

Weimar. (tlz) Bis in die zweite Empore war die Weimarer Jakobskirche besetzt, als am Sonnabend der Thüringer Literaturpreis an den Dichter Reiner Kunze vergeben wurde, der bis zu seiner Vertreibung 1977 in Greiz gelebt und mit zahllosen Lyrik- und Prosatexten gegen ideologische Bevormundung und staatliche Willkür in der DDR aufbegehrt hatte. Ein würdiger Rahmen und zugleich ein symbolträchtiger Ort, da Ausgangspunkt der friedlichen Revolution von 1989 in Weimar, an der Kunze als geistiger Wegbereiter großen Anteil hat. Durch seine Geradlinigkeit und Kompromisslosigkeit habe er dem "Umsturz" vorgearbeitet, bescheinigte ihm sein Dichterkollege Wulf Kirsten als Vorsitzender der dreiköpfigen Jury ein außerordentliches Maß an Zivilcourage.
Die von der e.on Thüringer Energie AG gestiftete und mit 6000 Euro dotierte Auszeichnung wird alle zwei Jahre von der Literarischen Gesellschaft vergeben. Reiner Kunze ist nach Sigrid Damm und Ingo Schulze der dritte Preisträger.

"Wovon wir reden, wenn wir von Reiner Kunzes Dichtung sprechen, ist die literarische Fassung erfahrenen Lebens. Eine Fassung, in der ,eines jeden einziges leben´ sein jeweils einziges poetisches Echo findet. Das ist nicht bei jeder Dichtung der Fall." Mit diesen Worten umschrieb der Laudator Christian Eger, Literaturkritiker und Redakteur der Mitteldeutschen Zeitung, das Credo des Lyrikers, Nachdichters und Essayisten, dessen Bücher vielen Menschen im Osten Mut gemacht haben. Auch wenn sein bekanntestes Werk, der Prosaband "Die wunderbaren Jahre" - von der Stasi als "Hetzschrift" eingestuft -, seinerzeit nur im Westen erschien, wurde es von jungen Leuten in der DDR von Hand abgeschrieben und verbreitet. Der Dichter Kunze habe Ostthüringen auf der Landkarte der deutschen Gegenwartsliteratur verortet, betonte Eger und bezeichnete dessen Verse, die sich aus deutschen wie böhmischen Quellen speisen, als "Schöpfungen eines poetischen, konkreten Humanismus".

Eine Haltung hinter der Resignation

Anhand des in Greiz entstandenen Gedichtes "Dezember", das 1969 Eingang in die Sammlung "Sensible Wege" gefunden hatte, machte der Laudator deutlich, was er darunter versteht - "glasklare Diktion, eindeutige Bildsprache, ein wie dem Schweigen abgerungenes Sprechen": "Stadt, fisch, reglos / stehst du in der tiefe // Zugefroren / der himmel über uns // --- // Überwintern, das / maul am grund". Was der Dichter liefere, sei "ein Standbild aus der Mitte der ostdeutschen Gesellschaft, buchstäblich eisgekühlt für alle Zeiten. Dabei fängt dieses Wortwerk die Lähmung nur als eine äußerliche, nicht als eine persönliche ein." Reiner Kunze zeige "eine Haltung hinter der Resignation, denn zu ,überwintern´ heißt, zu überwinden hoffen - das ,maul am grund´ der Verhältnisse".

Zuvor hatte Christoph Schmitz-Scholemann, Vorsitzender der Literarischen Gesellschaft Thüringen, Kunze als einen für den Freistaat unverzichtbaren Autor in seiner alten Heimat willkommen geheißen. Kultusminister Bernward Müller (CDU) nannte den Preisträger einen "beredten Zeugen der Unantastbarkeit menschlicher Würde".

Die Musiker Matthias und Michael von Hintzenstern führten in der Kirche eine "Hommage à Reiner Kunze für Obertongesang, Violoncello und Orgel" auf. Und wer erwartet hatte, dass der Geehrte die vielfache Huldigung mit einer knappen Dankesrede erwidern würde, wurde eines anderen belehrt. Er werde, ganz gegen seinen Grundsatz, hier einmal nicht über Poesie und Sprache reden, begann Kunze, denn er erachte es als nötig, 20 Jahre nach dem Mauerfall einige Tatsachen in Erinnerung zu rufen.

Mit eindringlichen Worten schlug er den Bogen von der Ausgrenzung und Schmähung, die nach der Veröffentlichung des Lyrikbandes "Brief mit blauem Siegel" 1973 seine Tochter auf der Greizer Oberschule erfuhr, über seine Begegnungen mit DDR-Flüchtlingen im Herbst 1989 an der österreichischen Grenze bis zur Linkspartei, die im Wahljahr 2009 einer Auseinandersetzung mit ihrer "stalinistischen" Vergangenheit noch immer ausweiche. Einmal mehr machte Reiner Kunze deutlich, dass er ein wacher, kritischer und unbequemer Zeitgenosse ist.