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02.02.2007

Dankbar und kritisch über die Welt nach der DDR

von H.H. Ostthüringer Zeitung

"Späte Reise" führt Joochen Laabs nach Ranis

Ranis (H. H.) Nach dem mitreißenden Handball-WM-Halbfinale war am Donnerstag die Umstellung auf leise Töne nicht leicht. Beim Leseabend auf Burg Ranis gelang sie aber, dank eines besonderen Schriftstellers.
Joochen Laabs ist, wie er sagte, kein Improvisationskünstler und auch stimmlich fesselt er nicht von vornherein. Das taten seine Texte, Ausschnitte aus seinem preisgekrönten Roman "Späte Reise oder die Erfindung der Zahlbox". Den Untertitel hätte er gern offiziell auf dem Buchdeckel gehabt, aber er fand kein Gehör bei den Verantwortlichen seines Verlages, die der Ansicht waren, dass damit im westlichen Teil Deutschlands nur schlechtere Verkaufszahlen bewirkt werden. Mit dem Untertitel "oder die Erfindung der Zahlbox" wird aber ein wichtiger Spannungsbogen des Buches beschrieben, die doppelte Reise der Hauptperson des Romans in die Gegenwart, die der USA, und in die Vergangenheit, in die DDR.

Beim wieder gut besuchten Leseabend auf Burg Ranis entstanden dichte Bilder des Lebens in dieser DDR. Der Autor faszinierte mit bilderreicher Sprache, die den angekündigten Lyriker nicht verleugnen kann und will. "Im Grunde bin ich immer ein Lyriker geblieben", sagte Laabs. Sein Protagonist lebt die Abenteuer der DDR und führt dabei die aus heutiger Sicht oft perverse Bevormundung der Menschen vor Augen, aber er spricht auch über den angenehmen Alltag in der DDR, über das kleine Wohlfühlen im Arbeitskollektiv. Prägnant ist etwa die Geschichte, wie ein in der CSSR besorgter Kolben für den Skoda nur illegal eingeführt werden kann und im Falle des Findens mindestens das Ende einer Karriere bedeuten konnte.

Die Romanfigur fragt sich in den USA, wo er über das Leben in der DDR erzählen soll, auf welcher Seite der Zeit sie eigentlich stand oder steht. "Muß ich nachträglich Schuldgefühle für das Nazireich empfinden, weil ich in diese Zeit geboren wurde? Soll ich auch Schuldgefühle für das Leben in der DDR pflegen, um dem äußerst einseitigen Blickwinkel der Zuhörer in Iowa gerecht zu werden?"

Laabs beschreibt seine Hauptperson vom jungen Menschen, der glaubt, die ganze Welt sei nur für ihn geschaffen, bis hin zum Leben als Ingenieur, der die Zahlbox erfindet, eine typische DDR-Erfindung. Nach dem Ende der DDR kann sich der Protagonist die restliche Welt anschauen, dankbar, aber auch kritisch.